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Rezension: → Boualem Sansal - Harraga

Die Straßenverbrenner

"Unsere Frauen haben eine spitze Zunge", schreibt Lamia, die Ich-Erzählerin des Romans Harraga und trifft damit ihre eigene Stimmlage bestens. Die Alleinstehende nimmt kein Blatt vor den Mund; spöttisch bis zynisch sind ihre Kommentare zum gesellschaftlichen Zustand. Ihr Zorn ist schier grenzenlos, mehr auf die Dummheit als auf die Bosheit der Menschen. An der algerischen Führung vor allem lässt sie kein gutes Haar. Sie lebt in einem Haus, dessen Weitläufigkeit zum Wandern einlädt und zur Unterhaltung mit der stattlichen Reihe der Vorbesitzer; Gespenster, die nie antworten. Dieser skurril anmutende Zug ist ihrer Einsamkeit geschuldet. Längst hat sie ihre Lieben - auf die ein oder andere Weise - verloren. Ansonsten ist Lamia sehr im Diesseits verhaftet. Ihre Verantwortung als Kinderärztin ließe auch nichts anderes zu. Eines Tages steht ein "kleiner Dreckspatz" vor der Tür, "geschminkt bis zum Anschlag" und "ganz adrett, bis auf die Kakophonie der Farben". Wie sich bald herausstellt, ist das Mädchen sechzehn Jahre alt und behauptet von Lamias Bruder Sofiane zu kommen und von ihm schwanger zu sein. "Genau auf diese Weise kommen auch die Wirbelwinde ins Haus."

Lamia weiß es noch nicht, aber es ist Liebe auf den ersten Blick. Im Vordergrund steht zunächst die Sehnsucht nach ihrem Bruder, nach einer Nachricht von ihm. In Oran soll er sich aufhalten, nachdem er die Straße, die ihn wegführte, verbrannte, um nicht mehr zurückkehren zu können. Die, die die Straße verbrennen, heißen in Algerien  jene, die sich aufmachen, ihr Land zu verlassen, um im "Gelobten Land" Europa ihr Glück zu versuchen: die Harragas. Chérifa weiß so gut wie nichts über Sofiane und obwohl Lamia sich dagegen wehrt, wird sie schließlich mit Blick auf ihren Gast feststellen: "Wenn die Engel schlafen, sehen sie auch so aus ...". Es beginnt eine Beziehung, die von Lamia, der Erfahrenen, der Gebildeten, der Mutterfigur dominiert wird, in Wahrheit macht "Lolita", was sie will. Jeglicher Versuch, die Analphabetin mit der schönen Seite der Bildung zu infizieren, bleibt erfolglos.

Boualem Sansal, der Autor dieses Buches, lässt die Ich-Erzählerin alle klassischen Symptome einer Verliebten durchlaufen. Liebesbekundungen wie Hassausbrüche, Stimmungsschwankungen und Verlustängste bestimmen fortan Motivation und Handlungsweise der ansonsten souverän auf beiden Beinen im Leben stehenden Berufstätigen. Dies ist bereits der vierte Roman des in Französisch schreibenden algerischen Autors. Erst im Alter von fünfzig Jahren veröffentlichte der 1949 geborene Schriftsteller sein erstes Buch. Der Roman Der Schwur der Barbaren heimste hohes Lob und bedeutende Literaturpreise ein. Seit damals hat er den kraftvoll-kritischen Ton beibehalten, was die Tatsache, dass er nicht sein Land verließ, wie viele seiner Kollegen, wie beispielsweise Hamid Skif und Yasmina Khadra oder sein Freund Rachid Mimouni, zum mutigen Akt erhebt. Mimouni lebte wie Sansal in Boumerdès, ca. 50 km östlich der Hauptstadt gelegen, bevor er in der Zeit des Terrors nach Frankreich emigrierte. Der inzwischen verstorbene Autor hat den damaligen hohen Beamten im Industrieministerium und promovierten Wirtschaftswissenschaftler zum Schreiben gebracht. Sansal ist ein äußerst produktiver Autor, im Original erschien Harraga bereits 2005, zwei weitere Publikationen liegen im französischen Original vor. Doch zurück zum vorliegenden Roman.

Das Buch lebt von der Verknüpfung zweier Motivationsstränge, die in einem Thema münden: Lamias Suche nach der immer häufiger wegbleibenden Chérifa sowie nach ihrem seit längerer Zeit verschwunden Bruder. Die Suche nach Sofiane führt sie eines Tages zum "Verein der Verschwundenen". Hier lässt der Autor seine Heldin zu Höchstform auflaufen. So bitter auch der Hintergrund ist, die verstärkte Landesflucht, die Männer verschwinden ins Ausland und die Frauen innerhalb des Landes, so wenig gelingt es dem Leser, an sich zu halten, zu komisch, zu bitter-böse die Begegnung mit der stellvertretenden Präsidentin des Vereins, "eine Ohrenrobbe". Lamia fragt, wie man vorgehen werde, "um meinen Idioten von Bruder zu finden!" "Wir haben unsere Methoden, säuselte sie, als spräche sie vor einem Publikum von Analphabeten über die Herstellung der Neutronenbombe. Und wie sie das gesagt hat! Aber ich werde sie foltern, die Schlampe." In diesem Tenor geht es weiter. Auf Lamias Forderung, konkreter zu werden, folgen Ausflüchte. Lamia insistiert, als Antwort heißt es, man werde "eine Bekanntmachung herauszugeben, die für die Familien bestimmt ist". Lamia: "Das ist allerdings eine schöne Methode ..." Die stellvertretende Präsidentin: "Sehen Sie eine wirksamere Methode?" Lamia: "Ja, Flaschen ins Meer zu werfen und schlafen zu gehen".

Schärfer noch im satirischen Ton gehalten ist einer der Träume von Lamia. Nach einem Schiffbruch landet sie gemeinsam mit Vertrauten auf einer Insel. Nach einer lasziven Inszenierung mit Feuer und Rauch folgende Aussage: "Im Feuer verbrannten Leute und seltsame Tiere. Wir stießen sie mit den Füßen wieder in die Glut, wenn sie versuchten, daraus zu entkommen. Ich erkannte die Präsidentin [des Vereins für Verschwundene] und ihre Gans. .... gefrorene Muränen aus der Einheitspartei ... Ein Karren brachte Nachschub für das Feuer: Prediger und Verteidiger der Wahrheit, wie es sich gehört, gefesselt und geknebelt. Der Gestank war entsetzlich ...".

Chérifa bringt wieder Leben ins altehrwürdige Haus. Solange sie da ist, unterbleiben Lamias einseitige Unterhaltungen mit den Geistern. Doch Chérifa kommt und geht, wann sie will. Lamia versucht ihr klarzumachen, wie gefährlich Algier für eine junge Frau sei, die nicht bloß die Verhüllung verweigere, sondern zudem durch extravagante Aufmachung provoziere. Überall wachten die "Verfechter der Wahrheit", wie Lamia spöttisch die Islamisten bezeichnet. Nie weiß Lamia, wie lange Chérifa dieses Mal weg bleiben wird. Zu den schönsten Stellen des Buches zählt die Beschreibung während des einzigen längeren bruchlosen Zusammenseins der so unterschiedlichen Frauen, als diese losziehen und die Stadt verunsichern, im buchstäblichsten Sinne des Wortes. Doch ist die Protagonistin realistisch genug, die Gegenwart dieses anderen ständigen Begleiters zu spüren, der Angst, die Aufmerksamkeit der neuen selbst ernannten Wächter der Tugend über Gebühr zu reizen und extreme Bestrafung auf sich zu ziehen, bis hin zum Tod.

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Wem die vorliegende Beschreibung zu ausufernd ist, wer die Abstraktion vermisst, das Auf-den-Punkt-bringen, die philosophische Reduktion, der sollte diesen Roman besser nicht lesen. Dabei war die Rede noch nicht von Scheheraszade im Studentenwohnheim, von "235", wie Lamia den Busfahrer nennt, der Chérifa erstmalig zu ihr brachte und sich seither verantwortlich fühlt oder von den kleinen Gedichten, die Lamia schreibt und an passender Stelle einfügt, von der Struktur der kürzer werdenden - vier - Kapitel, von der Tempoaufnahme mit knappen, verblosen Sätzen, von der Fluchtbeschreibung der armen Teufel, den Harragas, die aus der Wüste schlechthin, der Ténéré, in den Norden aufbrechen und vom einfachen und grandiosen Schluss, der die kleine Geschichte, jene große Liebe, verknüpft mit der großen Geschichte, der Geschichte der Straßenverbrenner.

(Originaltitel: »Harraga«)

12/2007 © by Janko Kozmus
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