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Sansal, Maghreb
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Rezension: → Boualem Sansal - Maghreb - Eine kleine Welt-geschichte

Sehnsucht nach ferner Heimat

Erst gegen Ende seines Essays Maghreb – eine kleine Weltgeschichte kommt der 1949 geborene, 2011 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnete Schriftsteller Boualem Sansal zum entscheidenden "Markstein", so nennt er seine Kapitel, zum "Markstein Algerien" und damit zu seiner – im engsten Sinne verstandenen – Heimat. Der Ich-Erzähler, der Autor nennt ihn in der Einleitung seine "Phantomfigur" reinkarniert zum wiederholten Mal. Er wird in eine Zeit hineingeworfen, in der die von den Franzosen ausgeübte Fremdherrschaft über die ansässige Bevölkerung, die längst nicht mehr nur aus den ursprünglich hier beheimateten Berbern besteht, bereits hundert Jahre währt. Und der Wiedergeborene wundert sich gleich über den schwarz glänzenden Belag, der die Straßen überzieht. Später wird er von der Gewalt der kolonialen Auseinandersetzungen berichten. Eine Darstellung oder gar Analyse aktueller Geschehnisse in Algerien oder im Maghreb bietet dieser Band nicht.

An dieser Stelle, besser ausgedrückt, in diesem Land: Algerien, angekommen, hat der Leser bereits eine unterhaltsame und aus historischer Sicht spannende Reise hinter sich, die ihren Anfang beim "Markstein Ägypten" nahm. Anschließend wechselte sie hinüber zum Kapitel über Numidien, einer von vielen Namen, die dem Raum übergestülpt wurden, den man heute als Maghreb bezeichnet. Die beiden ersten Abschnitte sind im Gegensatz zum letzten in zahlreiche Unterkapitel, wie Zeit der Wanderschaft oder Zeit der Helden, Zeit der Legenden usw. unterteilt.

Die Wanderschaft bezeichnet den Auszug von Stämmen aus Ägypten, die sich nach und nach im Gebiet des heutigen Maghreb niederlassen. Diese Bewegung wird des Öfteren mit dem Exodus der Israeliten aus dem Nilland in Zusammenhang gebracht. Im Übrigen verweist der Ich-Erzähler wiederholt auf das meist konfliktfreie Zusammenleben jüdischer Einwanderer mit den Berbern, der Urbevölkerung im Maghreb.

Im Abschnitt Zeit der Helden kann sich der Leser von einer durchaus jugendlich anmutenden Begeisterung des Autors für Helden mittragen lassen, allen voran gestellt ist Massinissa, der König des Berbervolkes der Massylier, die im Osten Numidiens beheimatet waren. Sie fochten mit dem im Westen Numidiens ansässigen Berbervolk der Massäsylier einen der ersten Stellvertreterkriege der Geschichte aus. Während letztere das aufstrebende Karthago unterstützten, schlugen sich die Massylier mit Massinissa auf die Seite Roms. Dem Berberkönig Masinissa wird interessanterweise auch der Ausspruch "Afrika den Afrikanern" zugeschrieben.

Im Abschnitt Zeit der Legenden sieht sich der Leser unter anderem der interessanten These gegenüber, einer der ersten Pharaonen Ägpytens habe dem Stamm der Berber angehört.

Wie bereits angesprochen enthält dieser Essay ebenfalls historisch nicht belegte Angaben, Splitter aus dem Bereich der Mythen und Legenden. Jedoch verweist Boualem Sansal explizit auf diesen Umstand und vermengt diese niemals mit gesichertem Faktenwissen. Sehr genau muss der Leser allerdings hinsehen, um diese bedeutsame Unterscheidung nachvollziehen zu können und sich nicht verführen zu lassen.

Weil Sansals Erzählweise von einer gewissen Ehrfurcht gegenüber der großen Geschichte und der Bejahung der eigenen Wurzeln getragen wird, ohne sich je im Ungefähren zu verlieren, ist sie imstande auch den kritischen Leser zu verleiten, das Vorgefundene – eine beredte Einheit von Widersprüchen und gleichzeitig ein wundersamer Ausblick im Rückblick – nostalgisch aufzunehmen. Aber ist es nicht genau das, was Boualem Sansal beabsichtigt?

Im ersten Abschnitt Die Nostalgie ... eine verlorene Kunst definiert er diese als die Sehnsucht nach der fernen Heimat. In einer Fußnote weist die Übersetzerin Regina Keil Sagawe darauf hin, dass Sansal für "ferne Heimat" den Ausdruck "le mal du pays" benutze, was wörtlich übertragen Heimweh beudeutet, denn im Französischen gehöre im Gegensatz zum Deuschen Heimweh in das Bedeutungsspektrum von Nostalgie. M.E. bereitet der Ausdruck "Sehnsucht nach der fernen Heimat" am deutlichsten den Boden für das Kommende, birgt doch die "ferne Heimat" sowohl den Inhalt der Sehnsucht des Einzelnen, der sich auf fremden Boden nach dem Vertrauten verzehrt, wie auch den Blick, der von heimatlicher Geborgenheit ausgehend in die Ferne schweift, wobei in diesem Kontext das Objekt dieser Sehnsucht – Ägypten – nicht willkürlich gewählt ist, sondern durchaus Bezüge, wenn schon nicht zum Mutterland Algerien, so doch zu Numidien, sprich dem Maghreb als Ganzes herzustellen sind. Hierin genau liegt die Spannung des Berichteten: Inwieweit basieren diese Bezüge auf Faktenwissen oder gehören in das Reich der Mythen und Legenden. Es sei noch einmal wiederholt: Die beiden Ebenen werden nicht vermengt, nur allzu gern jedoch gibt sich der Leser Sansals Nostalgie, eben dieser Sehnsucht nach der fernen Heimat hin und während der Zeit der Lektüre wird diese zur eigenen.

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Sehnsucht nach ferner Heimat

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"Die Fähigkeit zur Nostalgie schlummert in jedem von uns", behauptet Sansal, "doch die Kunst, sie angemessen auszudrücken, glückt nur dem, bei dem der Zweifel den Glauben dosiert, das Warten dem Suchen die Waage hält, die Liebe sich nicht verblenden lässt. Wie vielen mag das wohl gelingen?" Die Beantwortung dieser Frage erscheint müßig, nach der Lektüre des vorliegenden Bandes ist jedoch klar: Boualem Sansal, der im Gegensatz zu den meisten anderen französisch schreibenden Schriftstellern seiner Heimat Algerien nicht verlassen hat, gelingt dies in einer Weise, die weit mehr als angemessen erscheint, sie ist meisterlich.

03/2013 © by Janko Kozmus

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