DIE MARABOUT-SEITE
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Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 17. Juli 1999

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Großbritannien ·  


James Wood schreibt im britischen Guardian über John M. Coetzees Roman Disgrace (dt: Schande) "der perfekt ist, so weit er zu gehen bereit ist".

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ChroniK:
17.07.1999
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Mit dem großen Erfolg von Leben und Zeit des Michael K. sei klar geworden, dass der Südafrikaner Coetzee einer der herausragendsten Romanciers englischer Sprache ist, aber ebenso klar geworden sei, dass er noch kein großer Romancier ist. "Er ist höchst intelligent, luzide, präzise und elegant, aber sein Talent wird noch behutsam geführt" ... Anders als Dostojewski, so James Wood, betrete er kein unbekanntes Terrain.

Sein neuer Roman könnte kaum besser sein, meint Wood, er liest sich, als wolle der Autor in einer Prüfung das perfekte Beispiel eines sehr guten Gegenwartsromans vorweisen. Der Roman sei spannend, äußerst bewundernswert und ... in seiner Art wohlüberlegt ... eine nahezu vollendete Prosa in ihrer bleichen Perfektion ... Als Bestätigung seiner Einschätzung zitiert Wood: "Er ist stattlich und drahtig, er trägt Spitzbart und Ohrring, schwarze Lederjacke und schwarze Lederhosen. Er sieht älter aus als die meisten Studenten, er sieht nach Ärger aus." In dieser Form taxiere David Lurie, der Protagonist, Petrus, einen schwarzen Farmer. "Petrus putzt die Schuhe ab, sie schütteln die Hände. Ein faltiges, wettergegerbtes Gesicht, kluge Augen. Vierzig, fünfundvierzig?" Diese Sprache ist nie ineffizient, stellt Wood fest, weil sie selbst den Rahmen ihrer Effizienz begrenzt. Die Wirkung eines solchen Schreibens ... sei die Aufhebung dessen, was es beschreibt ...

Der Rezensent vermutet, der Protagonist sei möglicherweise nachdenklicher als sein Autor ihm zugestehe: Ein ironischer, verbitterter, mittelalter Professor an der Technischen Universität von Kapstadt, der eine Schwäche für romantische Dichter und die promiskuitive Liebe habe. Nach einer Affäre mit einer Studentin wird er der Vergewaltigung beschuldigt, beschreibt Woods den Inhalt des Romans, und obwohl sein Job nicht zwingend auf dem Spiel stehe, lässt er dessen Verlust zu. Sich in die Schande fügend und von einer düsteren Laune der Buße ergriffen, besucht er seine auf einer kleinen Farm, allein lebende Tochter. Einfach sei ihre Beziehung nie gewesen, werde aber noch schwieriger nach einem brutalen Angriff auf die Farm der weißen Südafrikaner, bei der die Tochter Lucy von drei schwarzen Eindringlingen vergewaltigt wird.

Wood beschreibt die durch den Zwischenfall größer werdende Distanz zwischen Vater und Tochter ... die sich vor allem in der ideologischen Bewertung des Vorgefallenen ausdrücke. "Lucy weigert sich die Farm zu verlassen, und in der Tat scheint sie sich das Ventil einer Aburteilung oder zumindest eines gewöhnlichen Gerechtigkeitsgefühls zu verweigern. Sie scheint zu glauben, was ihr geschehen ist, sei der Preis, den weiße Frauen dafür zu bezahlen hätten, dass sie alleine auf dem Lande lebten neben schwarzen Südafrikanern". Stillschweigend glaube sie, mit ihrem Martyrium eine Art Ausgleich schaffen zu können für die Jahrzehnte der Apartheid.

Die unleugbare Kraft dieses Romans, so Wood, liege in seiner Fähigkeit zur Analyse der beiden unterschiedlichen Formen der Schande sowie der Buße. Während Davids Umgang mit der Schande persönlicher Art sei, müsse die von Lucy als politisch betrachtet werden. Letztere bestrafe sich selbst, indem sie auf der Farm bleibe, und begrüße diese eigenartige Form von politischer Buße auch noch. Wood zitiert Lucys Aussage, die ihrem Vater sagt, es sei erniedrigend auf der Farm zu bleiben, "aber vielleicht ist es ein guter Punkt neu anzufangen. Vielleicht ist es das, was ich zu akzeptieren lernen muss ..."

"Des Lesers einzige Frustration mit diesem bewegend düsteren, eindrucksvoll verschwenderischen Buch mag sein, dass es seine eigenen Grenzen so peinlich sauber hält. Es bestimmt", so Wood, "seine eigenen Grenzen, innerhalb derer es lebt ... Coetzees neuer Roman ist absolut herausragend, aber vielleicht nicht absolut unentbehrlich." · (Guardian, ÜEK: J.K.)

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Quelle:
The Guardian, UK (Guardian)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜEK: J.K. --> Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert: Janko Kozmus ©


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