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Ein Ort, den es nicht gibt
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| "Dieser
Kontinent ist zu groß, als dass man ihn beschreiben könnte."
Äußert sich ein Autor in der Vorbemerkung eines Buches
mit dem Titel Afrikanisches Fieber solcherart, klingt das
wie eine Provokation. Dabei stürzt sich Ryszard Kapuscinski
nicht das erste Mal in eben diese
Beschreibung. Zum Thema Afrika, das es, wie er sagt, in Wirklichkeit
gar nicht gebe, hat der polnische Journalist und Schriftsteller
schon mehrere Literarische Reportagen verfasst. Hier nun die Erfahrungen
aus vierzig Jahren, wie der Untertitel lautet. |
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Vierzig
Jahre Erfahrung, kein Zweifel, ein Eingeweihter. Von ihm lassen
wir - die Leser - uns gern in diese Welt einführen, so wir sie
noch nicht kennen oder überlassen ihm die Rolle des Lotsen für
unsere Erinnerung, falls wir diesen Kontinent, dieses Afrika,
das es gar nicht gibt, erneut er-fahren wollen. Und wie wir
ihm folgen, hat uns - noch im Bemühen um Orientierung - der
Sog seiner Erzählung ergriffen.
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| Dabei
macht es uns Kapuscinski nicht
leicht: Eine Struktur im Gesamttext ist schwer erkennbar. Sowohl
der zeitliche wie der räumliche Zusammenhang sind nur lose
geknüpft. Zwar beginnt die Reise im Jahr 1958 in Ghana
mit der Unabhängigkeit dieses
Landes und endet gegen Ende des Jahrhunderts in Ostafrika, dazwischen
aber liegen große räumliche und zeitliche Sprünge. |
| Zudem
unterbricht Kapuscinski seine
Literarischen Reportagen durch Exkursionen in wissenschaftliche
Dimensionen, wenn er z.B. von der Klanstruktur oder in seiner
Vorlesung über Ruanda
über die Hintergründe
des länderübergreifenden Bürgerkriegs berichtet.
Er verlässt das vertraute Terrain sozialrevolutionärer
Ursachen und führt mit zunehmender Komplexität des Konflikts
zwischen Hutu und Tutsi eine neue, schwer zu fassende psychologische
Kategorie ein. Die Angst vor der Rache, sagt er, trage als wesentliches
Moment zum Verständnis der Auseinandersetzung bei. |
| Viele
der von Kapuscinski verwendeten Bilder begeistern durch ihre Einfachheit,
einige jedoch laufen Gefahr, jene unsichtbare Grenze zu überschreiten
und oberflächlich zu wirken, wie zum Beispiel jenes der Madame
Diuf. Unentwegt kommentiert diese das Vorgefallene - in erster
Linie die Schnäppchen, die sie von fliegenden Händlern
an den Stationen ergattert -, während sie sich breit macht
im Abteil des Zuges von Dakar nach Bamako. Ryszard Kapuscinski
konstatiert ohne erkennbare Gefühlswallung
eine Veränderung: Ein solches Verhalten habe er während
früherer Aufenthalte nicht erlebt, auf den Europäer,
auf das Komfortbegehren des weißen Besuchers, würde
keine Rücksicht mehr genommen. Oder der düster dreinblickende
Elefant, der plötzlich aus dem Busch auftaucht und die Gesellschaft
an den Tischen im Freien vor Schreck erstarren lässt. Als
der Elefant ohne Schaden anzurichten, wieder verschwunden ist,
fragt ein Tansanier Kapuscinski, ob er das gesehen habe. Kapuscinski
antwortet: "Ja, ein Elefant." "Nein", sagt der. "Der Geist Afrikas
nimmt immer die Gestalt eines Elefanten an. Weil kein Tier den
Elefanten besiegen kann." |
| Kapuscinski
lockt mit schönen Namen,
schönen Städten wie Lalibela, das er 1975 besuchte und
schockiert uns, indem er die Existenz des äthiopischen Hungers
nicht verschweigt. Und das Glück der Fischer über den
fetten Fang, bereitet uns mehr als Unbehagen; es erreicht die
Grenzen der Pietättoleranz, wenn der Autor die Herkunft der
Beute enthüllt: Der ostafrikanische See, dem sie entrissen
wurde, berge noch viele Opfer des herrschenden Bürgerkriegs.
Eine kleine, unerwartet eingestreute Information genügt,
uns zu schockieren und unsere Aufmerksamkeit erneut zu schärfen. |
| Das
Unerwartete setzt Ryszard Kapuscinski
oft und zielsicher ein. Damit
hält er die Sinne des Lesers wach. Obschon er an keiner Stelle
des Buchs Gefahr läuft, sich der Beschreibung einer Idylle
hinzugeben, wechselt er spontan den literarischen Ton, wird lakonisch
oder schlägt den sachlichen Ton einer journalistischen Reportage
an. Schon im Ansatz zerstört er Sequenzen, die dem Leser
suggerieren könnten, sich an einem schönen Ort zu befinden.
Nein, Afrika ist kein schöner Ort. Es gibt ihn gar nicht.
Es gibt ihn zumindest nicht so, wie die Jahre des Aufbruchs in
den 60ern, als sich viele Länder aus der Umklammerung des
Kolonialismus befreiten, es versprachen. Und trotzdem möchte
man da sein, an der Seite dieses einzigartigen Chronisten, der
mit dem in 40 Jahren gesammelten Material jongliert wie einer,
der es meisterhaft versteht, aus der Fülle des Stoffs zu
wählen und der weiß, wo das Ganze nicht fassbar ist,
müssen die einzelnen Teile um so mehr glänzen. Die Faszination
dieser Kunst entschädigt für manche Stelle, an der wir
kleingeistig Kontinuität und Detailinformation begehren. |
| Die
Präsenz des Chronisten tritt nur selten in den Vordergrund,
und nie ist es die heldenhafte Pose, die sich vom klar bezeichneten
Hintergrund abhebt, eher die des Leidens, jedoch ohne jegliche
Larmoyanz, im Gegenteil: Im Innern des Eisbergs, wenn ihn das
Fieber der Malaria packe, fühle er sich wohl, sagt
Kapuscinski. Es ist schwer, das
Afrikanische Fieber nicht zu lieben. |
(Originaltitel: »Hebanu«)
4/2003
© by Janko Kozmus
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Lesen
Sie auch die Rezension zu den Reportagen des Afrika-Korrespondenten
der Süddeutschen Zeitung: Michael Bitala
auf der
MARABOUT-SEITE
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