|
|
|
Frauen wie diese aus Nablus
Der im Jahre 1986 erstmalig
in deutscher Übersetzung erschienene und in diesem Jahr
als Taschenbuch neu aufgelegte Roman Die Sonnenblume
der palästinensischen Autorin Sahar
Khalifa stellt
hinsichtlich der Thematik und der Besetzung eine Fortsetzung
ihres Romans Der
Feigenkaktus dar.
Gleichwohl bildet Die Sonnenblume ein in sich geschlossenes
Werk.
|
| Die
Familie al-Karmi ist weiterhin vertreten durch Adel und Basil.
Die passive Haltung ihrer jüngeren Schwester, Nuwar, belässt diese
im Hintergrund. Andere bereits existierende oder neu in die Romanhandlung
eingeführte Frauen nehmen eine weitaus aktivere Stellung ein und
gewinnen neben den al-Karmi-Brüdern an Bedeutung. Da ist zum einen
Rafif, die junge Journalistin. Ihre Beziehung zu ihrem Kollegen
Adel ist nicht auf die professionelle Zusammenarbeit beschränkt.
Mit Sadija, die eine Nebenrolle spielte, schwingt sich eine zweite
Frau zur Protagonistin auf. Sie ist die Witwe von Sohdi, der -
wie im Roman Der Feigenkaktus
beschrieben - bei einem Anschlag auf einen Bus, der palästinensische
Arbeiter in eine israelische Fabrik bringen sollte, ums Leben
gekommen war. Wie schon Sohdi sieht sich auch Sadija gezwungen,
in israelische Dienste zu treten. Sie sichert ihr eigenes Überleben
und das ihrer Kinder durch Nähen in Heimarbeit. Und dies so erfolgreich,
dass sie an die Konkretisierung eines lang gehegten Traums denken
darf und sich den Neid ihrer Nachbarinnen im alten Viertel von
Nablus zuzieht. Als letzte ist die Prostituierte Chadra zu nennen,
von deren couragiertem Auftreten gegenüber israelischen Polizisten
Sadija irritiert, aber auch in hohem Maße beeindruckt ist. |
| Mit
der Schilderung sehr unterschiedlicher Lebenswege dreier Frauen
weist Sahar Khalifa
mit Nachdruck auf das eigentliche Interesse ihres Schreibens,
das selbst gegenüber ihrem Engagement für die nationale
Befreiung den Vorzug erhält: Die Stellung der Frau in der
palästinensischen Gesellschaft und somit in der arabischen
Welt insgesamt. Diese Perspektive verleiht dem Roman jene vom
Standpunkt des Feminismus zu beklagende Aktualität, da der
Kampf um die Stellung der Frau in der arabischen und islamischen
Welt trotz des zum Teil Jahrzehnte langen Wirkens wie beispielsweise
der ägyptischen Autorin und Ärztin Nawal
El Saadawi - um neben Sahar Khalifa eine der wichtigsten zu
nennen - noch am Anfang eines langen Weges steht. |
| Wie
schon der vorhergehende so steht auch dieser Roman in erster Linie
nicht für eine spannende Dramaturgie - wiewohl der halb erzwungene
Ausflug der Näherin Sadija ins israelisch-großstädtische Tel Aviv,
aus ihrer Sicht mitten in die Höhle des Löwen, an innerer Spannung
kaum zu überbieten ist, nicht zuletzt durch das Mitwirken ihrer
Begleiterin Chadra -, sondern für eine grundsätzlich mehr deskriptive
Herangehensweise, die jedoch nicht in bloßer, politisch motivierter
Illustration mündet. Dabei bleibt die Sprache knapp und prägnant.
Kurze, mitunter verblose Sätze prägen den Stil, den die Autorin
der Paraphrasierung orientalischer Erzähltradition vorzieht. |
| Der
Roman Die Sonnenblume vereint mehrere Ebenen in sich: Einmal
wird in der Person der Redakteurin Rafif nicht "nur"
der persönliche Kampf der Frau um Befreiung aus der Abhängigkeit
zum Mann dargestellt, indem die junge Intellektuelle auf Distanz
zu Adel geht, sondern auch - stellvertretend für die gesellschaftliche
Emanzipation - der Kampf um Loslösung aus der redaktionellen Frauenecke
auf eine gleichberechtigte Ebene: Die Redakteurin beansprucht
die Hälfte des Raums der Zeitschrift für die Frau. Zum anderen
veranschaulicht der Roman in einprägsamen Bildern die Tragik des
oft zum nationalen Befreiungskampf im Widerspruch stehenden persönlichen
Überlebenskampfes. Als ein weiteres Moment werden die Schwierigkeiten
beschrieben, die beim Versuch, feudalistische Strukturen zu überwinden,
auftreten. Gemeinsam mit seinem Bruder Basil alias Abu al-Iss
versucht Adel den Grundbesitz der Familie al-Karmi zu einen solidarisch
geringen Preis an die ehemaligen Pächter, die palästinensischen
Bauern, zu übertragen. Dieser Prozess wird jedoch von der partiellen
Enteignung durch israelische Behörden unterbrochen. |
| In
jeder einzelnen der angesprochenen Ebenen wirkt eine widerstrebende
Kraft, um wie viel schwerer scheint es da, dem permanenten Auseinanderstreben
des Ganzen entgegenzuwirken. Sahar Khalifa
stellt sich der Aufgabe mit großem schrifstellerischem Geschick.
Sie versteht es, die verschiedenen Ebenen durch die einfühlsame
Darstellung persönlicher Motivationen, die wie selbstverständlich
die weltanschauliche mit einschließt, sei es durch die Beschreibung
der äußeren Lebensumstände der Handelnden oder
in suggestiv wirkenden inneren Monologen derart zu verknüpfen,
dass ein Auseinanderbrechen nicht nur verhindert wird, sondern
tatsächlich ein homogenes Ganzes entsteht: die Wirklichkeit
des palästinensischen Volkes in Zeiten israelischer Besatzung.
Dabei bewahrt sich die palästinensische Autorin selbst in
der Beschreibung tragischster Momente eine professionelle Distanz,
die erst jene an Objektivität grenzende, nahezu dokumentarische
Qualität aller ihrer Romane ausmacht. Ohne je in Larmoyanz
zu verfallen, beschreibt Sahar Khalifa das Leiden ihres Volkes
und präsentiert überdies mit Chadrun die Figur eines
fortschrittlichen Israeli, eines Vertreters der Peace Now-Bewegung,
den die Brüder al-Karmi in die redaktionelle Arbeit der palästinensischen
Zeitung einbeziehen wollen. |
| Die
teilweise kammerspielartige Geschlossenheit des Romans Der
Feigenkaktus weicht in Die Sonnenblume der Weite
einer Vielfalt von Möglichkeiten, in erster Linie denen des intellektuellen
Raums, repräsentiert in den Redaktionsszenen. Gleichzeitig weisen
gerade diese die Autorin als eine Meisterin des Dialogs aus, der
sich durch den Einsatz satirischer Überspitzung eine wunderbare
Leichtigkeit bewahrt. Lediglich in der Badehausszene, bei der
Wiederbegegnung des Gegensatzpaares Sadija und Chadra, ist noch
jene Beschränkung zu spüren. In einem an Autismus grenzenden inneren
Monolog Sadijas werden noch einmal die Schwierigkeiten einer Veränderung,
eines Ausbruchs aus Jahrhunderte alten Traditionen deutlich. Die
scherzenden Frauen, die feuchte, modrige Umgebung und der alles
durchdringende Dampf scheinen Sadijas tief sitzenden Ängste aufweichen
zu können. Doch der Boden ist glitschig, er birgt die Gefahr des
Fallens in sich. Eine Schlüsselszene des Romans, mit der die Autorin,
in der Gestaltung immenser atmosphärischer Dichte, sich selbst
übertrifft. |
|
Die
Autorin Sahar Khalifa zeigt mit dem
Roman Die Sonnenblume eine breite Palette von Formen
palästinensischen Engagements auf, weist allerdings auch auf
seine Grenzen hin. Kein Zweifel besteht jedoch an ihrer Hauptintention.
Ob die Tätigkeit einer Redakteurin wie Rafif oder der Überlebenskampf
einer Witwe wie Sadija, ob das rotzfreche Auftreten einer Prostituierten
wie Chadra oder der lauthalse Protest von Frauen enteigneter
Bauern, in vorderster Reihe steht immer die Sorge um das Wohlergehen
ihrer Geschlechtsgenossinnen. Welches der entworfenen Frauenbilder
noch am ehesten der Befreiung der arabischen Frau den Weg weist,
das mag der Leser und vor allen Dingen die Leserin selbst entscheiden.
(Originaltitel:
»Abbad al-schams«)
7/2003
© by Janko Kozmus
|
|
|
| Sie
haben dieses Buch bereits gelesen?! Dann beteiligen Sie sich bitte
mit einem Votum für dieses Buch an der BESTEN-LISTE afrikanischer und arabischer
Literatur auf der MARABOUT-SEITE ! |
|
|
|
Weitere
Rezensionen zu Sahar Khalifa auf der
MARABOUT-SEITE

|
|
Und
zu anderen arabischen Autoren:
|
|
|
|