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Zeitweilige Bewohner
eines zweifelhaften Hauses
Husam,
ein junger palästinensischer Kämpfer, wird in einem
Scharmützel von den Israelis am Bein verletzt. Er erreicht
das nächste Haus und bittet um Zutritt. Nach einer Weile
wird er eingelassen. Ausgerechnet in Sakinas Haus, im Haus der
liquidierten Kollaborateurin, ist er in seiner Not gelandet.
Und ist auf die Hilfe von Sakinas Tochter, Nasha, angewiesen,
die selbst noch unter Verdacht steht. Es beginnt ein gegenseitiges
Belauern und Verhöhnen, das Sahar
Khalifa in nuancierten
Tönen, facettenreich und akzentuiert, ausmalt. |
| Es
klopft erneut an der Tür, Husam wird schnell im Nebenzimmer
versteckt. Die Studentin Samar bittet Nasha, die Tochter des in
Verruf geratenen Hauses um ein Interview. Themen seien die Situation
der Frau, Palästina,
die Intifada. Nasha lässt
sie ein. Bei einem gemütlichen Tee beginnt das Interview.
Bald weicht Samar vom Fragebogen ab, möchte mehr wissen über
die Geschichte des angeblichen oder tatsächlichen Verrats
von Nashas Mutter. Die Beiden sprechen über die Leute im
Viertel. Irgendwann kommt die Rede auf Husam, der die Szene von
nebenan verfolgt, was Nasha natürlich weiß. |
| Sieht
man ab von der politischen Dimension, der Frage nach den Implikationen
der Intifada für die Frau, besteht die klassische Konstellation
einer Komödie. Zwar wird das Ganze mit weiteren Besuchen
und mit teilweise absurd komischen Dialogen bis an die äußerste
Grenze getrieben, doch nicht der Dialog ist die eigentliche Stärke
der palästinensischen Autorin Sahar Khalifa, es ist der stille
Kommentar, der innere Monolog, der jeden, auch noch so kleinen
Redewechsel begleitet. Hier erhalten ihre Figuren Konsistenz und
Kontur. Und mit dem Roman Die
Sonnenblume hat
sie zu erkennen gegeben, was ihr spätestens mit dem Folgeroman
Memoiren einer unrealistischen Frau das Etikett Feministin
eingebracht hat, dass es sich eben in erster Linie um den Personenkreis
der Frauen handelt, dem sie glaubwürdige Standhaftigkeit
verleihen möchte. Und das gelingt ihr in für die arabische
Welt fast unvergleichlicher Form, obschon die vielen Wechsel im
Erzähltempo, signifikant für Sahar
Khalifas ersten Roman Der
Feigenkaktus und
- wenn auch weniger ausgeprägt - auch noch für den zweiten
Die Sonnenblume einem ruhigeren Erzählfluss gewichen
sind. |
| Samar
gelangt durch Bildung zu einer neuen Perspektive ihrer Umgebung.
Sie begreift die Tragweite israelischer Besatzung sowie des palästinensischen
Widerstands. Und sie beginnt ihre doppelte Gefangenschaft als
Frau zu ermessen. Doch spürt sie auch den Zweifel, den Widerspruch,
die Schwierigkeit, die erworbene Erkenntnis in Praxis umzusetzen.
Wegen einer von den Israelis verhängten Ausgangssperre, ist
sie gezwungen, die Nacht in Sakinas Haus zu verbringen. Hierfür
wird sie von ihrem ältesten ungebildeten Bruder brutal verprügelt.
In der Folge muss sie noch mehrfach schmerzhaft erkennen, dass
Bildung allein ihrem Dasein nicht die Standhaftigkeit verleiht,
die sie für sich beansprucht. Aus tiefer Überzeugung
versichert sie Nasha »Ich bin wie Du«. Sie entstamme
einer einfachen Bäckersfamilie. |
| Nasha
ist anders. Zwar kommt auch sie aus einfachen Verhältnissen,
aber ihr Blick ist von einer unmittelbaren Ungetrübtheit.
Nicht erst mit dem Tod ihrer Mutter hat sie jegliche Illusion
verloren. Unglückliche Ehe, unerfüllte Liebesbeziehungen
und der ständige Überlebenskampf haben sie hart werden
lassen. Gleichzeitig hat sie sich ihre Spontaneität bewahrt.
Und ihre Liebe, die ganz auf ihren kleinen Bruder gerichtet ist.
Sie ist weit davon entfernt, den palästinensischen Widerstand,
die Intifada - verkörpert in der Person ihres Zwangsgastes
Husam - zu idealisieren. Doch auch sie verspürt die Anziehungskraft
des jungen Kämpfers. |
| Husams
Tante, Sitt Sakija, repräsentiert die traditionelle Frauenrolle.
Ihr Beruf als Hebamme erlaubt ihr Einblick in die Verhältnisse
nahezu aller Häuser des alten Viertels von Nablus. Sie liebt
ihren Beruf, doch ihr eigentliche Fürsorge, ihre Liebe gilt
ihrem Neffen. Für ihn, den Kämpfer und Träumer,
hat sie ein Mädchen im Auge wie die reizende Samar. |
| Mit
dem Buch Das Tor stellt Sahar
Khalifa erneut eindeutig
die Perspektive der Frau in den Vordergrund. Sie scheut sich
jedoch nicht, diesen Roman einem Mann - »Er der sich sehnt
nach Horizonten« - zu widmen. Doch damit hat sie nicht
etwa den Mann in den Mittelpunkt gerückt. Nicht länger
ist er der Fixstern, um den die weiblichen Planeten kreisen.
Nahezu ausgebrannt ist er, verletzt, flügellahm. Mithin
lässt sich das Verhalten der Protagonistinnen nicht auf
die traditionelle Rolle der arabischen Frau und Mutter reduzieren,
deren einzige Sorge der Familie, dem Manne gilt. Es deutet vielmehr
auf die Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen den Geschlechtern,
auf die gegenseitige Hilfsbedürftigkeit. Die Frau ist nicht
mehr gewillt, jeden Kampf des Mannes - es sei gar der nationale
Widerstand - vorbehaltlos zu unterstützen. Mit ihrem Einspruch
definiert sie ihre Rolle neu. Als die erneute Auseinandersetzung
gegen die Besatzungsmacht am Ende des Romans ihre Opfer fordert,
sind nicht alle Frauen mehr bereit, in den Märtyrerruf
»Unser Herzblut für Palästina« einzufallen.
(Originaltitel:
»Bab as-saha«)
8/2003
© by Janko Kozmus |
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