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Machfus - Der letzte Tag des Präsidenten
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MACHFUS Der letzte Tag des Präsidenten
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Rezension: → Nagib Machfus - Die letzte Tag des Präsidenten

Von der Auflösung einer Generation

Ein schmaler Band, der im Kleinen die ganze Erzählkunst des ägyptischen Nobelpreisträgers offenbart. Die Originalausgabe erschien knapp vier Jahre nach der Ermordung von Sadat, der im Staatsamt dem großen Nasser gefolgt war. Unter seiner Ägide hat Ägypten die Öffnung zum politischen Westen eingeleitet und vollzogen. Sadats Regierungszeit gilt dem ägyptischen Volk bis heute als eine Epoche des sozialen Niedergangs. Eine Antwort auf die Frage, ob oder inwieweit beide Tatsachen im Zusammenhang stehen, gibt die Erzählung nicht.

Der Autor Nagib Machfus versteht es, eine Geschichte zu entwickeln, die verschiedene Perspektiven zum politischen und sozialen Hintergrund aufzeigt, ohne dabei der Verlockung nachzugeben, ein ideologisch motivierte Sichtweise als Problemlösung anzubieten. Erzählt wird aus der Sicht einer Familie, die unter den Veränderungen der Sadat-Ära zu leiden hat. Als Angehörige der Mittelschicht büßte sie Privilegien ein. Trotz unermüdlichen Einsatzes aller Mitglieder ist die Sicherung des Status quo kaum zu bewältigen. Schon die Wohnverhältnisse entsprechen in keinster Weise ihren Bedürfnissen.

Allein der Großvater, er habe - einziger Moment der Unbescheidenheit - als ehemaliger Lehrer drei Minister auf den Weg gebracht, bleibt von der ökonomischen Reproduktion ausgeschlossen. Er genießt den wohlverdienten Ruhestand und reflektiert die Vorkommnisse mit gottesfürchtigem weisem, aber keineswegs naiv-gläubigem Blick, der jenem Inschallah, der Herr wird's schon richten, die Herrschaft über den eigenen Verstand einräumt. Bessere Zeiten hat er gelebt. Nach der politischen Unabhängigkeit erfuhr das Land eine Periode der politischen Diskussion, der fortwährenden Auseinandersetzung um eine bessere Zukunft. Heute bleibt dem Greis die Meditation. Aus ihr schöpft er jene Kraft, die er vornehmlich darauf richtet, seinem Enkelsohn Mut zuzusprechen.

Die Verlobung des jungen Alwan mit der nicht mehr ganz jungen Randa währt Jahre. Trotz Studiums und anschließender Anstellung sieht er sich nicht in der Lage, die Kosten für die ersehnte Heirat und eine neue Wohnung aufzubringen. Die Verlobte, gleichzeitig seine Kollegin, steht dieser Situation mit Geduld und Verständnis gegenüber. Dagegen fürchtet ihre Mutter, ihrer Tochter könnte das Schicksal einer alten Jungfer beschieden sein. Sie ist es auch, die den zukünftigen Schwiegersohn darum bittet, ihre Tochter freizugeben, ihr die Möglichkeit zu eröffnen, ihr Glück anderweitig suchen zu können. Das Drängen seiner Umgebung und falsch verstandenes Pflichtgefühl verleiten Alwan dazu, das Heiratsversprechen zu lösen. Mit dieser Entscheidung stürzt er nicht nur sich selbst, sondern auch Randa in die emotionale Katastrophe.

Als er in der Person seines Chefs den Hauptschuldigen an Randas Unglück erkennen muss, droht das in seinem Inneren angestaute Gefühlschaos aufzubrechen. Der ungeheure Druck verlangt nach einem Ventil, nach einem Moment der Entscheidung. Der letzte Tag des Präsidenten ist angebrochen.

Das Instrumentarium des Altmeisters erscheint einfach. Unter Aufbietung mühelos unprätentiöser Sprache und mit dem Einsatz wechselnder Ich-Erzähler erhöht Machfus die Nähe zum Text; sie wiederum steigert die pure Lust am Lesen. Eine Anhebung der auf dem Gipfelpunkt befindlichen Authentizität des Erzählten ist ohnehin nicht möglich. Insbesondere die Reflexionen des Großvaters lassen den Leser an Lebenserfahrung und feinsinnigem Geist teilhaben. Sie formen Gedanken, die Allgemeingültigkeit beanspruchen dürfen und sich selbst dem »Ungläubigen« eröffnen. Eingesprengte Koranverse bedeuten ihm in keinem Moment eine Störung; er erkennt sie im Gegenteil als Bereicherung im Bemühen um Verständnis einer noch immer weitgehend fremden Kultur.

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Ohne Zweifel ist Der letzte Tag des Präsidenten ein politischer Roman, gleichzeitig präsentiert er sich als Zustandsbericht des Konflikts der Generationen. Nagib Machfus übergeht die mittlere, die ihm nachfolgende Generation und vertraut die Sorge um eine bessere Zukunft seinen Enkeln an. Der Zorn, der sich des jungen Alwan bemächtigt, lässt keinen Raum für die Beschränkungen des Alltags, des Dünkels, der Korruption und letztendlich der Vernunft.

(Originaltitel: »Yaum qutila az-za'im«)

6/2003 © by Janko Kozmus

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