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Einstige Kolonialherren ...
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DIE
MIDAQ-GASSE - HÖRBUCH
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NAGIB MACHFUS
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Einstige
Kolonialherren, Knochenbrecher
und ein Kaffeehaus
Lange bevor er für sein
Werk mit dem Nobelpreis geehrt wurde, verfasste Nagib Machfus
den realistischen Roman Die Midaq-Gasse. Darin stellte
er konkrete historische Bezüge her und zeigte zumeist einfache
Menschen in ihren ökonomischen Verhältnissen.
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| Die
Bewohner der bewussten Gasse, und hier in erster Linie die jungen,
wissen nur zu gut, dass ihr Glück, so sie nicht weiblichen
Geschlechts sind und auf eine vorteilhafte Heirat hoffen können,
in ihrem Wohnviertel nicht zu finden ist. Sie ziehen los, um bei
den Engländern zu arbeiten. So wird eine Anstellung bei den
ehemaligen Kolonialherren und Noch-Besatzern der Kanalzone für
viele zum einzigen Hoffnungsschimmer am Horizont. Auch für
Abbas Al-Hilu, der zwar einen kleinen Friseurladen betreibt, sich
aber nur zu gut darüber im Klaren ist, das für die Heirat
mit der schönen Hamida benötigte große Geld damit
nicht verdienen zu können. So bricht er auf, um sich - erfolgreich
- bei den Engländern zu verdingen. Seinem Glück steht
scheinbar nichts mehr im Wege. Die gute Hamida gibt sich mit der
Verlobung mit dem grundanständigen, aber zu braven und auch
nach seiner Gelegenheitsarbeit bei den Engländern nicht gerade
reichen jungen Mann nicht zufrieden. Sie zögert nicht lange,
was selbst ihrer Pflegemutter, Umm Hamida, die nicht gerade zimperlich
ihren ökonomischen Gewinn als Heiratsvermittlerin sucht,
bitter aufstößt, als der einzige ortsansässige
Fabrikbesitzer ihr, während der Abwesenheit des Verlobten,
einen Antrag macht. Hamida zieht die Stellung als Zweit- und Nebenfrau
eines großen Herrn der einer Hauptfrau eines armen Schluckers
vor. Vor Vollzug der Heirat wird die rege Libido des alternden
Fabrikbesitzers jedoch durch eine schwere Krankheit jäh abgebremst.
Der genesende Salim Alwan ist ein Schatten seiner selbst, von
einer Heirat kann keine Rede mehr sein. Hamida aber ist auf den
Geschmack gekommen. Entschlossen, mehr als das billig Angebotene
aus ihrem Leben zu machen, unternimmt sie wieder ihre alltäglichen
Spaziergänge am Nachmittag. Ihre große Chance jedoch
wartet in der Midaq-Gasse auf sie. Als sie eines Tages von ihrem
Flanieren zurückkommt, erfasst sie der Blick eines ortsfremden,
jungen, eleganten Gecken mit einer Macht und Arroganz, dass sie
wider Willen sofort gefangen ist. Es dauert nicht lange, und sie
erliegt den Werbungen dieses Herrn. Der versichert sie mit wohl
einstudierten feurigen Worten ständig seiner Liebe, möchte
aber ihre Jungfräulichkeit für andere, finanziell potentere
junge Männer bewahren. Ohne Umschweife sagt er ihr, die jungen
englischen Offiziere würden eine Menge Geld dafür bezahlen.
Hamida ist empört, ahnt aber, dass dies die einzige Chance
ihres Leben sein würde, etwas anderes zu erreichen, als den
eintönigen Alltag neben einem herzensguten, aber unvermögenden
und vor allen Dingen einflusslosen Mann. Die Aussicht auf das
Spiel mit der Macht bedeutet ihr wesentliche Motivation, denn
ihre neue Rolle würde eine solche Möglichkeit erschließen.
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| Als
eines schönen Tages ihr Verlobter als Urlauber zurückkehrt,
um seine Angebetete unverzüglich zu ehelichen, wird er vollkommen
aus der Bahn geworfen, da er erfahren muss, seine Auserwählte
sei quasi unbekannt verzogen. Bald läuft er ihr zufällig
über den Weg und erkennt unverstellt die Wahrheit ihres neuen
Daeins. Doch nicht gegen sie richten sich seine Rachegedanken,
sondern gegen den jungen Herrn, der sie verführt haben muss.
Gemeinsam mit seinem Freund, dem Sohn des schwulen Kaffeehausbesitzers,
zieht er los, um Rache zu üben. Er hat eine Verabredung mit
Hamida, die ihrerseits - inzwischen unzufrieden mit ihrer Situation,
da ihre Liebe für den Zuhälter nicht erwidert wird -
versucht den Ex-Verlobten auf eben jenen Herrn zu hetzen. Am Treffpunkt
sieht der ehemalige Friseur seine immer noch Angebetete - eine
dramatische Konstellation, da sein Begehren ungebrochen ist, ihre
Sünde aber als unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen
sich auftut - in den Armen englischer Soldaten. Wütend stürzt
er sich auf den Haufen. Sein Freund, die Passivität des Lesers
symbolisierend, beobachtet gelähmt diese Szene, ohne eingreifen
zu können. Unausweichlich folgt, was folgen muss. |
| Zu
behaupten, diejenigen, die Glück verhießen als gutzahlende
Herren für geleistete Dienste, hätten nun den Untergang
herbeigeführt, wäre sicherlich eine überzogene
Einschätzung der Handlungskonstellation, wenngleich sich
der Leser dem Eindruck nicht entziehen kann, dass der damals -
der Roman entstand im Jahr 1947 und spielt im letzten Kriegsjahr
1945 - noch nicht berühmte Machfus auf diese Weise eine Kritik
an den britischen Interessen in → Ägypten
äußerte. |
| Reduzierte
sich die Handlung dieses Romans auf den beschriebenen Handlungsstrang,
böte er bestenfalls Stoff für eine Novelle oder die
Grundkonstellation für ein klassisches Drama. Erst eine Vielzahl
von weiteren Figuren und Handlungssträngen eröffnen
epische Breite: Da gibt es Umm Hamida, die Heiratsvermittlerin
und eine ihrer besten Kundinnen, die reiche Afifa, ferner den
aus westlicher Sicht frömmelnden - ob er das wirklich ist,
sollten jene entscheiden, die der islamischen Kultur angehören
- Scheich Darwisch. Nicht zu vergessen der Knochenbrecher für
werdende Bettler und Grabschänder Zita sowie sein allgemein
geachteter Kumpan und Arzt Buschi, von einer Szene im Haus des
Zuhälters, die die Leserschaft im Jahr des Erscheinens des
Romans mit Sicherheit schockierte, ganz zu schweigen. Und da gibt
es noch den nörgelnden Sohn, der, um in der modernen Welt
Kairos flügge zu werden, das gemachte Nest verlässt
und dessen Vater, den besagten Besitzer des Kaffeehauses, dieser
Gerüchteküche, ein Ort nicht nur des Klatsches, sondern
auch der Information und des Trostes, wohin sich viele in Gewissensnöten
und auswegloser Lage flüchten oder verbracht werden wie in
eine Notaufnahme. Hier laufen viele Handlungsfäden zusammen,
verwirren, entwirren und verteilen sich wieder in die Gasse. |
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Ein
an nicht wenigen Stellen äußerst spannend zu lesendes
buntes Treiben, das sich der Leser ähnlich auch heute noch
ausmalen könnte, säße er in einem der vielen
Kaffeehäuser in einer beliebigen Kairoer Gasse und beobachtete
die Szenerie.
(Originaltitel: »Zuqaq
al-Midaqq«)
12/2005
© by Janko Kozmus
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