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ADICHIE: BLAUER HIBISKUS
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Rezension: → Chimamanda Ngozi Adichie - Blauer Hibiskus

Schönheit und Schmerz

Chimamanda Ngozi Adichies Roman Blauer Hibiskus

RAINER HACKEL
DER REZENSENT ALS AUTOR:

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und Deutschland
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Geschichten aus Ghana

Von Rainer Hackel (©)

Die afrikanischen Staaten erlangten zwar in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Unabhängigkeit, doch haben viele Afrikaner bis heute die von den ehemaligen Kolonialherren aufgezwungenen Werte auf erschreckende Weise verinnerlicht. Daraus folgt auch die Abwertung der eigenen Muttersprache gegenüber der Sprache des Kolonialherrn, die weiterhin als Amtssprache dient. Da auf das Erlernen der Muttersprache in der Schule kaum Wert gelegt wird, können nur Wenige diese lesen und schreiben. Die Abwertung und Verleugnung der eigenen Kultur betrifft neben der Muttersprache fast alle anderen Lebensbereiche: "Dem Kolonialismus ist es sehr gut gelungen, in uns den Gedanken zu festigen, alles, was von uns kommt, sei minderwertig." So die junge nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die diese durchaus selbstkritische Beobachtung in ihrem grandiosen und viel beachteten ersten Roman Blauer Hibiskus erzählerisch entfaltet hat. Die Handlung des Romans ist ein lehrreiches Beispiel für kulturelle Kolonialisierung.

Die Ich-Erzählerin des Romans, die fünfzehnjährige Kambili, berichtet über das Leben ihrer Familie in Nigeria in einem Jahr, in dem ihr eigenes Leben und das der anderen Familienmitglieder heftige Erschütterungen erleidet. Kambilis Vater Eugene ist ein wohlhabender Fabrikant, strenger Katholik und Verleger einer regierungskritischen Zeitung. Nur selten spricht er seine Muttersprache Igbo und erwartet auch von seiner Frau und seinen Kindern, dass sie - vor allem in der Öffentlichkeit - Englisch sprechen, denn sie sollen "klingen wie zivilisierte Menschen". Eugene erstellt für seine Kinder Stundenpläne, die den Tag in Lernstunden und Ruhepausen, in Gebetszeiten und Zeiten, die sie mit den Eltern verbringen sollen, aufteilen. Und er erwartet von seinen Kindern schulische Höchstleistungen. Als Kambili nur Zweitbeste ihrer Klasse wird, unterstellt er ihr bösen Willen und wirft ihr vor, sie habe nicht Klassenbeste werden wollen. Besonders unduldsam ist Eugene aber, wenn katholische Vorschriften nicht eingehalten werden. Vor einem Gottesdienst hat Kambili Krämpfe wegen ihrer Periode und erhält von ihrer Mutter die Erlaubnis, das Fastengebot zu brechen und Cornflakes zu essen, damit sie die Schmerztabletten besser verträgt. Unglücklicherweise überrascht Eugene seine Familie bei dem heimlichen Tun und verliert die Fassung. Schreiend fragt er sie, ob der Teufel ihnen befohlen habe, "sein Werk für ihn zu verrichten". Dann schlägt er mit seinem Ledergürtel nicht nur auf Kambili ein, sondern auch auf Jaja, seinen Sohn, und auf seine Frau. Nachdem sich sein Zorn gelegt hat, drückt er seine Kinder an sich und fragt sie, ob er sie verletzt habe. Die Vorstellung, seine Familie könnte der "Sünde" verfallen sein, ist für Eugene unerträglich, sodass er die Selbstkontrolle verliert. Die Bestrafung besitzt den Charakter einer Zwangshandlung, mit der sich Eugene unbewusst vom eigenen übermächtigen Druck zu befreien sucht.

Eugenes religiöse Intoleranz richtet sich aber vor allem auf Menschen, die dem traditionellen animistischen Kult anhängen und die er verächtlich als "Heiden" bezeichnet. Hier tritt die Verinnerlichung des von den Kolonialherren aufgezwungenen Weltbildes als Selbsthass in Erscheinung. Voller Verachtung distanziert sich Eugene auch von seinem eigenen Vater, der sich nicht taufen ließ. Als Eugene über Weihnachten mit seiner Familie aufs Land fährt, wo er ein luxuriöses vierstöckiges Landhaus besitzt, erlaubt er seinen Kindern zwar, ihren Großvater zu besuchen, doch dürfen sie nicht länger als fünfzehn Minuten bei ihm bleiben und weder Getränke noch Essen annehmen. Eugene selbst besucht seinen Vater nie. Den Zutritt zum eigenen Besitz untersagt er ihm, da Heiden dort nichts zu suchen hätten.

Als Kambili und Jaja einige Zeit später ihre Tante Ifeoma in der im Südosten Nigerias gelegenen Universitätsstadt Nsukka besuchen, nimmt Ifeoma ihren kranken Vater bei sich auf. Weder Kambili noch Jaja setzen ihren Vater davon in Kenntnis. Das "Vergehen", mit dem Großvater unter einem Dach gewohnt zu haben, bestraft Eugene auf außergewöhnlich grausame Weise: Er gießt kochendes Wasser über Kambilis und Jajas Füße. Auch jetzt wieder handelt er unter Zwang und sucht sich anschließend Kambili gegenüber zu rechtfertigen. Als Kind sei er von einem katholischen Geistlichen ähnlich hart bestraft worden. Glaubt der Leser an dieser Stelle, eine Steigerung von Eugenes Grausamkeit sei nicht möglich, so belehrt ihn Chimamanda Ngozi Adichie im letzten Drittel des Romans eines Besseren. Einige Zeit nach dem Tod des Großvaters betrachten Kambili und Jaja ein Bild von ihm und werden dabei von ihrem Vater erwischt, der das Bild zerreißt. Als Kambili sich über die Papierfetzen wirft, verliert Eugene die Selbstkontrolle und tritt seine Tochter, bis er sie lebensgefährlich verletzt. Dabei schreit er wie ein Besessener: "Gottlosigkeit. Heidnische Rituale. Höllenfeuer."

PURPLE HIBSCUS als Hörbuch

Eugene will sich mit den grausamen und zwanghaften Bestrafungen Kambilis und Jajas immer wieder aufs Neue versichern, dass die von ihm als Kind erlittene Misshandlung durch den Priester in guter Absicht geschah. Wenn er seine Kinder milder oder gar nicht bestrafte, würde er nicht nur das Handeln des Priesters indirekt infrage stellen, sondern auch die von europäischen Missionaren vertretene katholische Kirche, deren Diffamierung traditioneller afrikanischer Religiosität er verinnerlicht hat. Eugenes zwanghafte und grausame Bestrafungspraxis dient der Rechtfertigung seines Glaubens, den schon die geringste Nachsicht erschüttern würde.

Eugenes Frau, aber auch seine Kinder ertragen lange Zeit die Tyrannei ihres Gatten und Vaters, ohne aufzubegehren. Vor allem Kambili versucht, an ihrer Liebe zum Vater festzuhalten, vermutlich auch deshalb, weil sie die Ohnmacht hinter seinen zwanghaften Bestrafungen spürt. Erst die längeren Aufenthalte bei ihrer Tante Ifeoma in Nsukka bewirken eine schrittweise Befreiung von dem übermächtigen Vater.

Die ersten Tage bei Tante Ifeoma und ihren drei Kindern sind für Kambili und Jaja ungewohnt. Tante Ifeoma ist Dozentin für Afrikanistik an der Universität und verfügt über weit geringere finanzielle Mittel als ihr Bruder Eugene. So wird bei ihr mit Wasser sparsam umgegangen und von Plastiktellern gegessen. Ungewohnt sind für Kambili und Jaja aber auch die kurzen Gebete vor dem Essen und der ungezwungene Umgangston bei Tisch, wo sich jeder frei äußern kann. Über Eugenes Stundenpläne für Kambili und Jaja lacht Tante Ifeoma so heftig, "dass ihr großgewachsener Körper bebte und sich krümmte wie ein Keulenbaum an einem windigen Tag". Die Stundenpläne werden von ihr kurzerhand außer Kraft gesetzt. Es wird auch viel gelacht und gesungen in Tante Ifeomas Haus, und zwar meist Lieder in der Muttersprache Igbo. Als der Großvater bei ihnen wohnt, sind Kambili und Jaja glücklich, wenn sie seinen spannenden und humorvollen Geschichten lauschen dürfen. Überhaupt lernen sie erst jetzt ihren Großvater wirklich kennen und begreifen ihn als einen Teil ihres eigenen Lebens. Im Unterschied zu ihrem Bruder spricht Tante Ifeoma nie abfällig über die "Heiden", die für sie "Traditionalisten" sind, und sie fügt hinzu, "dass etwas, das anders war, manchmal ebenso gut sein könne wie etwas, das einem vertraut war". Doch äußert sie sich zuweilen kritisch über ihren Bruder, der "zu sehr das Produkt der Kolonialherrschaft" sei.

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Bei Tante Ifeoma lernt Kambili Pater Amadi kennen, einen jungen Kaplan, der bei den Studenten sehr beliebt ist. Da Pater Amadi in keiner Weise dem von Eugene seinen Kindern vermittelten Bild eines katholischen Geistlichen entspricht, ist Kambili zunächst irritiert. Der junge Kaplan spielt Fußball, tollt oft ausgelassen herum und führt mit Kambili Gespräche, die sie vergessen lassen, dass er ein Geistlicher ist. Dass es Sünde sein soll, wenn Kambili und Jaja mit ihrem Großvater unter einem Dach wohnen, vermag Pater Amadi nicht nachzuvollziehen. Schon recht bald beginnt sich Kambili in den jungen attraktiven Mann zu verlieben. Dem Pater entgeht Kambilis Zuneigung nicht, und man gewinnt den Eindruck, er spiele zuweilen mit dem Gedanken, sein Priesteramt aufzugeben und Kambilis Gefühle zu erwidern.

Die Welt Tante Ifeomas erscheint als lichte Gegenwelt zur Tyrannei ihres Bruders Eugene. Der blaue Hibiskus, der im Garten Tante Ifeomas wächst, darf als Symbol der Befreiung von einem Vater gelten, dessen ekklesiogene Neurose sich als Spätfolge der Kolonialherrschaft und der durch sie bedingten Minderwertigkeitsgefühle vieler Afrikaner herauskristallisiert. Die immer grausamer werdenden Bestrafungen, mit denen Eugene seine Kinder quält, und die sich anschließenden Aufenthalte von Kambili und Jaja in Nsukka führen schließlich zu einer tragischen Entwicklung, die wir hier nicht verraten wollen.

Die außergewöhnliche poetische Schönheit des Romans, der sich der Leser nicht entziehen kann, entspringt dem Verhältnis Kambilis zu ihrem Vater, den sie trotz der ihr zugefügten Misshandlungen liebt. Kambili wird es nicht müde, auf die Vorzüge ihres Vaters hinzuweisen: Als Verleger einer regierungskritischen Zeitung setze er sein Leben aufs Spiel und unterstütze finanziell großzügig in Not geratene Verwandte und Freunde. Die erste Liebe des zur Frau erwachenden Mädchens zu Pater Amadi berührt den Leser womöglich noch stärker als die Zuneigung zum Vater. Hier wie dort nährt sich Adichies außerordentliche Kraft zur Gestaltung poetischer Schönheit aus den Widersprüchen und Schmerzen, die großer Liebe eigen sind.

(Originaltitel: Purple Hibiscus)

02/2008
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