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Im Zerrspiegel ...
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v. AMMA DARKO
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Im Zerrspiegel der Vergangenheit
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Amma
Darkos Roman Das Lächeln der Nemesis
Von
Rainer Hackel (©)
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| Das
westafrikanische Land Ghana
hat viele Gesichter. Trotz hoher Arbeitslosigkeit zählt es
zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Ländern Afrikas, politisch
ist es seit vielen Jahren stabil, und auch die Infrastruktur hat
sich in den letzten Jahren entwickelt. Obwohl es immer noch, vor
allem im Norden des Landes, viele Analphabeten gibt, hat sich
auch in der Bildungspolitik einiges getan. So wurde erst kürzlich
das Schulgeld für staatliche Schulen abgeschafft. Religiöse
und ethnische Konflikte kannte das friedliche westafrikanische
Land, im Gegensatz zur benachbarten Elfenbeinküste,
ohnehin kaum. In vieler Hinsicht erscheint Ghana als Musterland
Afrikas, das auch den letzten UNO-Generalsekretär, den viel
geachteten Kofi Annan, stellte. |
| Liest
man jedoch die Bücher der ghanaischen Autorin Amma Darko,
so trübt sich das freundliche Bild, das man von Ghana gewonnen
hat, rasch ein. Die Figuren ihrer Romane und Erzählungen
scheinen von dem Aufbruch in die moderne Gesellschaft weniger
zu profitieren, als dass sie die Opfer der unaufhaltsamen Entwicklung
sind. Der Spagat zwischen traditionellen Familienstrukturen und
westlicher Freiheit, zwischen animistischem Kult und dem durch
unzählige Freikirchen und Sekten vertretenen Christentum
führt nicht selten zum Verlust moralischer Normen oder zu
religiöser Orientierungslosigkeit. |
| In
ihrem neuen Roman Das Lächeln der Nemesis verdeutlicht
Amma Darko auf eindrucksvolle Weise die moralischen Konflikte
und tragischen Konsequenzen, die sich aus einer falsch verstandenen
Emanzipation von überkommenen Traditionen und Werten ergeben.
Die Studentin Agnes, genannt Aggie, wächst in einer Gesellschaft
auf, in der »der weibliche Körper längst zum Objekt
geworden« war. Aggie passt sich dieser gesellschaftlichen
Entwicklung unreflektiert an und zieht ihren Nutzen daraus. So
hat sie neben ihrem festen Freund Idan, den sie später heiraten
wird, noch zwei andere Männer »am Haken«, von
denen sie nicht nur finanziell profitiert, sondern sie genießt
auch das Machtgefühl, das ihr die sexuelle Hörigkeit
ihrer Liebhaber verschafft. Der eine von ihnen, Pa, ist verheiratet,
hat drei Kinder und ist wesentlich älter als Aggie. Er glaubt
jedoch in Aggie seine große Liebe gefunden zu haben und
nennt sie liebevoll Blume. Da er von Aggie sexuell abhängig
ist, erfüllt er ihr jeden Wunsch, bis seine finanziellen
Mittel erschöpft sind. Enttäuscht darüber, dass
ihre Geldquelle versiegt ist, wendet sich Aggie von ihrem Liebhaber
ab und lässt ihn nun ihre Verachtung spüren. Der Familienvater
sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und erhängt sich an
einem Mangobaum im Garten seines Hauses. Fortan wird das Leben
seiner Frau und seiner drei Kinder von seinem Selbstmord überschattet:
Seine Frau, Ma, leidet unter Depressionen, hört Stimmen und
wird psychisch krank. Randa, die jüngste Tochter, ist innerlich
teilnahmslos, denn bevor sie »in der Lage gewesen war, die
Spielregeln des Lebens zu begreifen, hatte sie schon verloren«.
Und auch Cora, ihre ältere Schwester, sieht einen Zusammenhang
zwischen dem Selbstmord ihres Vaters und ihren erfolglosen Versuchen,
einen Mann zu finden. Nur Kweku, der Sohn, hat einen Weg ins Leben
gefunden. |
| Als
die seelische Krankheit der Mutter immer ernster wird, bringen
die Kinder sie in ein Prayer-Camp. Doch nachdem sie erfahren haben,
dass man dort die Kranken fesselt und die bösen Geister nicht
nur durch Gebete, sondern auch mit Schlägen zu vertreiben
versucht, befreien sie ihre Mutter eines Nachts. Nun sind die
Kinder auch bereit, einen lange schon geäußerten Wunsch
ihrer Mutter zu erfüllen: Sie möchte, dass Aggie begreift,
»wie hoch der Preis ist«, den die Familie für
deren Spiel mit ihrem Mann und dem Vater ihrer Kinder gezahlt
hat: »Ich will diesen Blick in ihren Augen sehen. Findet
sie und bringt sie zu mir. Nur dann werden wir beide Frieden finden,
sie und ich.« |
| Die
Geschwister entwickeln einen Plan, mit dem sie in Aggies Leben
eindringen und es nachhaltig erschüttern wollen, damit sie
am eigenen Leib erfährt, welches Leid sie über die Familie
ihres Geliebten gebracht hat: Randa läuft Idan, Aggies Mann,
scheinbar zufällig über den Weg und wird seine Geliebte.
Und Cora und Kweku beauftragen einen falschen Propheten, die polygame
Ehe von Aggies Vater zu zerstören, sei doch sein faulendes
Geschwür am Bein Ausdruck der Sünde, mit zwei Frauen
zu leben. Darüber hinaus erhält Aggie mysteriöse
Briefe, die ihr ihre neue Kollegin Destine, alias Randa, zukommen
lässt und die sie mit wenigen Worten wie Nemesis und Blume
an ihre Vergangenheit erinnern sollen. |
| Den
Geschwistern fällt es um so leichter, Aggie an ihre Vergangenheit
zu erinnern und Schuldgefühle in ihr wachzurufen, als schon
ihrer Hochzeit böse Vorahnungen von Idans Großmutter
vorausgegangen waren, die sich erfüllt haben: Am Hochzeitstag
erschien die von der Großmutter vorausgesagte dunkle Wolke
am Himmel und löste ein Unglück aus: Durch den aufkommenden
Sturm kippte ein Strommast um, und ein Junge kam durch einen Stromschlag
ums Leben, weil er auf das in eine Pfütze gefallene Kabel
trat. |
| Am
Ende des Romans, im Epilog, besucht Aggie Ma, die psychisch kranke
Witwe ihres früheren Liebhabers. Als die alte Frau sie fragt,
ob sie eine gute Ehe führe und glücklich sei, starrt
Aggie sie »schmerzerfüllt« an. Dieser Blick erfüllt
die kranke Frau mit Genugtuung, weiß sie doch, dass Aggie
nun ihr Leiden und das ihrer Kinder zu ermessen vermag. |
| Im
zweiten Handlungsstrang des Romans geht es um einen wohlhabenden
Geschäftsmann, der mit fünf Frauen in polygamer Ehe
lebt und sich das Leben nimmt, weil er HIV-positiv wurde. Dieser
zweite Handlungsstrang tritt zwar gegenüber dem ersten in
den Hintergrund, doch hat ihn die Autorin nicht ohne Grund eingeflochten,
denn durch ihn wird die Freude der Geschwister über den gelungenen
Rachefeldzug erheblich gedämpft. Es stellt sich nämlich
heraus, dass sich die zweite Frau des reichen Mannes bei einem
Callboy mit HIV infiziert hat. Das Foto des jungen Mannes, das
in einem Zeitungsartikel über den Fall abgebildet ist, offenbart
Randa, dass es sich um ihren Freund handelt. Randa muss nun damit
rechnen, ebenfalls HIV-positiv zu sein. So ist der Plan der Geschwister,
Aggie mit ihrer Mutter zusammenzubringen, zwar in Erfüllung
gegangen, doch verhindert die Autorin eine allzu glatte Auflösung
des Konflikts, die im Hinblick auf die Widersprüchlichkeit
der geschilderten gesellschaftlichen Zustände und die tiefe
Verunsicherung der Menschen auch unglaubwürdig wirken würde.
Das pessimistische Resümee des Romans scheint eine Freundin
von Aggie auf den letzten Seiten des Buches zu ziehen, wenn sie
ausruft: »Dieses Netz von Lügen und Illusionen... Es
ist eine Tragödie.« |
| Enthält
der Prolog die Bitte der Mutter, Aggie zu treffen, so wird im
Epilog die Erfüllung des Wunsches geschildert. Die Binnenhandlung
des Romans besteht überwiegend aus der spannenden, dialogreichen
und zuweilen auch humorvollen Erzählung der Ausführung
des seltsamen Plans, wobei viele Themen en passant angeschnitten
werden, die uns schon aus anderen Romanen Amma Darkos vertraut
sind - so die tiefgehende religiöse Verunsicherung, das ambivalente
Erbe der Kolonialzeit und die Fragwürdigkeit nicht nur westlicher,
sondern auch traditioneller Lebensformen. Es war sicherlich eine
kluge kompositorische Entscheidung der Autorin, die zwanzig Jahre
zurückliegenden Ereignisse - Aggies Beziehung zu Pa und dessen
Selbstmord - erst in den letzten Kapiteln des Romans zu erzählen.
So gewinnt die Ausführung des Racheplans nachträglich
Gewicht; zudem wird dadurch die Spannung der Handlung erhöht,
weil der Leser immer mehr ahnt, dass in der Vergangenheit ein
schreckliches Geschehen liegen muss, das die Protagonisten zum
Handeln motiviert. |
| Es
hat auch seinen Grund, dass im Roman wiederholt auf die griechische
Tragödie und auf die für ausgleichende Gerechtigkeit
sorgende griechische Rachegöttin Nemesis Bezug genommen wird.
Aggies erinnernder Rückgang auf ihre vergessene oder verdrängte
Schuld, zu dem sie von den Geschwistern gezwungen wird, erinnert
sowohl an die griechische Tragödie als auch an deren Interpreten
Sigmund Freud. Doch im Unterschied zu Ödipus weiß Aggie,
was sie tat, und welche Folgen ihr Tun für andere hatte,
denn sicherlich erfuhr sie vom Selbstmord ihres verstoßenen
Geliebten. Obwohl ihr Fehlverhalten aus unreflektierter Anpassung
an in der Gesellschaft verbreiteten pervertierten Emanzipationsvorstellungen
sowie aus Macht- und Geldgier erwuchs und sie nun, zwanzig Jahre
danach, eine andere geworden ist, hat sie keine Wahl: Sie muss
sich ihrer Vergangenheit stellen. |
| Amma
Darko: Das Lächeln der Nemesis, Roman. Aus dem Englischen
von Kirsten Esser. Schmetterling Verlag, 259 Seiten, gebunden,
19,80 Euro. |
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