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Rezension: → Amma Darko - Das Lächeln der Nemesis

Im Zerrspiegel der Vergangenheit

Amma Darkos Roman Das Lächeln der Nemesis

RAINER HACKEL
DER REZENSENT ALS AUTOR:

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RÜCKKEHR INS PARADIES
Geschichten aus Ghana

Von Rainer Hackel (©) 2007

Das westafrikanische Land Ghana hat viele Gesichter. Trotz hoher Arbeitslosigkeit zählt es zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Ländern Afrikas, politisch ist es seit vielen Jahren stabil, und auch die Infrastruktur hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Obwohl es immer noch, vor allem im Norden des Landes, viele Analphabeten gibt, hat sich auch in der Bildungspolitik einiges getan. So wurde erst kürzlich das Schulgeld für staatliche Schulen abgeschafft. Religiöse und ethnische Konflikte kannte das friedliche westafrikanische Land, im Gegensatz zur benachbarten Elfenbeinküste, ohnehin kaum. In vieler Hinsicht erscheint Ghana als Musterland Afrikas, das auch den letzten UNO-Generalsekretär, den viel geachteten Kofi Annan, stellte.

Liest man jedoch die Bücher der ghanaischen Autorin Amma Darko, so trübt sich das freundliche Bild, das man von Ghana gewonnen hat, rasch ein. Die Figuren ihrer Romane und Erzählungen scheinen von dem Aufbruch in die moderne Gesellschaft weniger zu profitieren, als dass sie die Opfer der unaufhaltsamen Entwicklung sind. Der Spagat zwischen traditionellen Familienstrukturen und westlicher Freiheit, zwischen animistischem Kult und dem durch unzählige Freikirchen und Sekten vertretenen Christentum führt nicht selten zum Verlust moralischer Normen oder zu religiöser Orientierungslosigkeit.

In ihrem neuen Roman Das Lächeln der Nemesis verdeutlicht Amma Darko auf eindrucksvolle Weise die moralischen Konflikte und tragischen Konsequenzen, die sich aus einer falsch verstandenen Emanzipation von überkommenen Traditionen und Werten ergeben. Die Studentin Agnes, genannt Aggie, wächst in einer Gesellschaft auf, in der »der weibliche Körper längst zum Objekt geworden« war. Aggie passt sich dieser gesellschaftlichen Entwicklung unreflektiert an und zieht ihren Nutzen daraus. So hat sie neben ihrem festen Freund Idan, den sie später heiraten wird, noch zwei andere Männer »am Haken«, von denen sie nicht nur finanziell profitiert, sondern sie genießt auch das Machtgefühl, das ihr die sexuelle Hörigkeit ihrer Liebhaber verschafft. Der eine von ihnen, Pa, ist verheiratet, hat drei Kinder und ist wesentlich älter als Aggie. Er glaubt jedoch in Aggie seine große Liebe gefunden zu haben und nennt sie liebevoll Blume. Da er von Aggie sexuell abhängig ist, erfüllt er ihr jeden Wunsch, bis seine finanziellen Mittel erschöpft sind. Enttäuscht darüber, dass ihre Geldquelle versiegt ist, wendet sich Aggie von ihrem Liebhaber ab und lässt ihn nun ihre Verachtung spüren. Der Familienvater sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und erhängt sich an einem Mangobaum im Garten seines Hauses. Fortan wird das Leben seiner Frau und seiner drei Kinder von seinem Selbstmord überschattet: Seine Frau, Ma, leidet unter Depressionen, hört Stimmen und wird psychisch krank. Randa, die jüngste Tochter, ist innerlich teilnahmslos, denn bevor sie »in der Lage gewesen war, die Spielregeln des Lebens zu begreifen, hatte sie schon verloren«. Und auch Cora, ihre ältere Schwester, sieht einen Zusammenhang zwischen dem Selbstmord ihres Vaters und ihren erfolglosen Versuchen, einen Mann zu finden. Nur Kweku, der Sohn, hat einen Weg ins Leben gefunden.

Als die seelische Krankheit der Mutter immer ernster wird, bringen die Kinder sie in ein Prayer-Camp. Doch nachdem sie erfahren haben, dass man dort die Kranken fesselt und die bösen Geister nicht nur durch Gebete, sondern auch mit Schlägen zu vertreiben versucht, befreien sie ihre Mutter eines Nachts. Nun sind die Kinder auch bereit, einen lange schon geäußerten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen: Sie möchte, dass Aggie begreift, »wie hoch der Preis ist«, den die Familie für deren Spiel mit ihrem Mann und dem Vater ihrer Kinder gezahlt hat: »Ich will diesen Blick in ihren Augen sehen. Findet sie und bringt sie zu mir. Nur dann werden wir beide Frieden finden, sie und ich.«

Die Geschwister entwickeln einen Plan, mit dem sie in Aggies Leben eindringen und es nachhaltig erschüttern wollen, damit sie am eigenen Leib erfährt, welches Leid sie über die Familie ihres Geliebten gebracht hat: Randa läuft Idan, Aggies Mann, scheinbar zufällig über den Weg und wird seine Geliebte. Und Cora und Kweku beauftragen einen falschen Propheten, die polygame Ehe von Aggies Vater zu zerstören, sei doch sein faulendes Geschwür am Bein Ausdruck der Sünde, mit zwei Frauen zu leben. Darüber hinaus erhält Aggie mysteriöse Briefe, die ihr ihre neue Kollegin Destine, alias Randa, zukommen lässt und die sie mit wenigen Worten wie Nemesis und Blume an ihre Vergangenheit erinnern sollen.

Den Geschwistern fällt es um so leichter, Aggie an ihre Vergangenheit zu erinnern und Schuldgefühle in ihr wachzurufen, als schon ihrer Hochzeit böse Vorahnungen von Idans Großmutter vorausgegangen waren, die sich erfüllt haben: Am Hochzeitstag erschien die von der Großmutter vorausgesagte dunkle Wolke am Himmel und löste ein Unglück aus: Durch den aufkommenden Sturm kippte ein Strommast um, und ein Junge kam durch einen Stromschlag ums Leben, weil er auf das in eine Pfütze gefallene Kabel trat.

Am Ende des Romans, im Epilog, besucht Aggie Ma, die psychisch kranke Witwe ihres früheren Liebhabers. Als die alte Frau sie fragt, ob sie eine gute Ehe führe und glücklich sei, starrt Aggie sie »schmerzerfüllt« an. Dieser Blick erfüllt die kranke Frau mit Genugtuung, weiß sie doch, dass Aggie nun ihr Leiden und das ihrer Kinder zu ermessen vermag.

Im zweiten Handlungsstrang des Romans geht es um einen wohlhabenden Geschäftsmann, der mit fünf Frauen in polygamer Ehe lebt und sich das Leben nimmt, weil er HIV-positiv wurde. Dieser zweite Handlungsstrang tritt zwar gegenüber dem ersten in den Hintergrund, doch hat ihn die Autorin nicht ohne Grund eingeflochten, denn durch ihn wird die Freude der Geschwister über den gelungenen Rachefeldzug erheblich gedämpft. Es stellt sich nämlich heraus, dass sich die zweite Frau des reichen Mannes bei einem Callboy mit HIV infiziert hat. Das Foto des jungen Mannes, das in einem Zeitungsartikel über den Fall abgebildet ist, offenbart Randa, dass es sich um ihren Freund handelt. Randa muss nun damit rechnen, ebenfalls HIV-positiv zu sein. So ist der Plan der Geschwister, Aggie mit ihrer Mutter zusammenzubringen, zwar in Erfüllung gegangen, doch verhindert die Autorin eine allzu glatte Auflösung des Konflikts, die im Hinblick auf die Widersprüchlichkeit der geschilderten gesellschaftlichen Zustände und die tiefe Verunsicherung der Menschen auch unglaubwürdig wirken würde. Das pessimistische Resümee des Romans scheint eine Freundin von Aggie auf den letzten Seiten des Buches zu ziehen, wenn sie ausruft: »Dieses Netz von Lügen und Illusionen... Es ist eine Tragödie.«

Enthält der Prolog die Bitte der Mutter, Aggie zu treffen, so wird im Epilog die Erfüllung des Wunsches geschildert. Die Binnenhandlung des Romans besteht überwiegend aus der spannenden, dialogreichen und zuweilen auch humorvollen Erzählung der Ausführung des seltsamen Plans, wobei viele Themen en passant angeschnitten werden, die uns schon aus anderen Romanen Amma Darkos vertraut sind - so die tiefgehende religiöse Verunsicherung, das ambivalente Erbe der Kolonialzeit und die Fragwürdigkeit nicht nur westlicher, sondern auch traditioneller Lebensformen. Es war sicherlich eine kluge kompositorische Entscheidung der Autorin, die zwanzig Jahre zurückliegenden Ereignisse - Aggies Beziehung zu Pa und dessen Selbstmord - erst in den letzten Kapiteln des Romans zu erzählen. So gewinnt die Ausführung des Racheplans nachträglich Gewicht; zudem wird dadurch die Spannung der Handlung erhöht, weil der Leser immer mehr ahnt, dass in der Vergangenheit ein schreckliches Geschehen liegen muss, das die Protagonisten zum Handeln motiviert.

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Es hat auch seinen Grund, dass im Roman wiederholt auf die griechische Tragödie und auf die für ausgleichende Gerechtigkeit sorgende griechische Rachegöttin Nemesis Bezug genommen wird. Aggies erinnernder Rückgang auf ihre vergessene oder verdrängte Schuld, zu dem sie von den Geschwistern gezwungen wird, erinnert sowohl an die griechische Tragödie als auch an deren Interpreten Sigmund Freud. Doch im Unterschied zu Ödipus weiß Aggie, was sie tat, und welche Folgen ihr Tun für andere hatte, denn sicherlich erfuhr sie vom Selbstmord ihres verstoßenen Geliebten. Obwohl ihr Fehlverhalten aus unreflektierter Anpassung an in der Gesellschaft verbreiteten pervertierten Emanzipationsvorstellungen sowie aus Macht- und Geldgier erwuchs und sie nun, zwanzig Jahre danach, eine andere geworden ist, hat sie keine Wahl: Sie muss sich ihrer Vergangenheit stellen.

Amma Darko: Das Lächeln der Nemesis, Roman. Aus dem Englischen von Kirsten Esser. Schmetterling Verlag, 259 Seiten, gebunden, 19,80 Euro.

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