|
|
| Auf
jeder Etage eine Überraschung
|
|
Dieser
im arabischen Sprachraum überaus erfolgreiche Roman mit zahlreichen
Neuauflagen verführt geradewegs dazu, weniger von seinem Inhalt
als von den Begleitumständen seiner Veröffentlichung und Rezeption
zu berichten. Hierfür gibt es gleich mehrere Gründe, zu den
wichtigsten zählt sicherlich die Tatsache, dass der
ägyptische Autor Alaa al-Aswani weder das Reizthema
»islamischer Fundamentalismus« noch solche, in seiner
Heimat tabuisierte Themen wie Homosexualität und Korruption
ausspart. Und trotz des Umstands, dass sowohl der Verlag als
auch der Autor auf den fiktiven Hintergrund verwiesen, wurde
Der Jakubijân-Bau vielfach als Schlüsselroman interpretiert.
Und spätestens seit der Verfilmung des Buches fühlen sich die
Bewohner des Gebäudes in der berühmten Kairoer Prachtstraße
Taalat Harb unwohl, da in den Figuren die Vorbildcharaktere
erkennbar und aus deren Sicht wenig schmeichelhaft gezeichnet
waren. Dabei hat der Autor Jahre lang selbst in diesem Haus
gearbeitet. Alaa al-Aswani, der im Mai dieses Jahres erst fünfzig
Jahre alt wird, hat die dreißig Jahre bestehende Anwaltspraxis
seines Vaters nach dessen Tod in eine Zahnarztpraxis umgewandelt,
um seiner eigentlichen Profession nachgehen zu können. In Ägypten,
sagt er, können bestenfalls Autoren wie Nagib
Machfus oder Gamal al-Ghitani
von der Schriftstellerei leben.
Ihm sei das - trotz der vielen Auflagen, die Der Jakubijân-Bau
in Ägypten erreichte - nicht möglich und der Betrag, den er
beispielsweise von seinem us-amerikanischen Verleger erhalten
habe, deckte gerade mal den Bedarf an Kaffee und Zigaretten
während der Arbeit an dem Roman. Doch zurück zu den Bewohnern
des Jakubijân-Baus, was sind dies für Menschen? Welchen
Charakteren begegnet der Leser?
|
|
Das
Gerüst des Jakubijân-Baus besteht aus lose verknüpften
Handlungssträngen. Von den frühen 90er Jahren bis zum Ausbruch
des Ersten Golfkrieges erstreckt sich der zeitliche Rahmen,
in dem der Leser die Bekanntschaft mit den unterschiedlichsten
Figuren macht, nicht wenigen unter ihnen wird zurecht Symbolcharakter
unterstellt. Neben dem alternden aristokratischen Schürzenjäger
Saki Bey al-Dassûki, mit dem der Leser Ausflüge ins alte, europäisch
geprägte Kairo unternimmt, steht u.a. der jugendliche Taha al-Schâsli,
dessen innigster Wunsch es ist, Polizist zu werden. Trotz hervorragender
schulischer Leistungen wird dieser jedoch wegen seiner sozialen
Herkunft abgelehnt. Es ist eine von vielen Ungerechtigkeiten,
die der Autor glaubhaft in seinem gesellschaftlichen Mosaik
aufzeigt und für Taha, den Sohn des Türstehers des Jakubijân-Baus,
der ausschlaggebende Anstoß, sich in seiner Verbitterung islamischen
Fundamentalisten zuzuwenden. Allerdings tragen zu seiner Entscheidung
auch andere Gründe bei. Buthaina, die Verlobte des ehrgeizigen
jungen Mannes entfremdet sich ihm zusehends. Die junge Frau,
die nach dem Tod ihres Vaters für ihre Geschwister mitsorgen
muss, verliert mehrfach ihre Anstellung, weil sie sich der Zudringlichkeiten
ihrer Chefs erwehrt. Gleichzeitig empfindet sie die körperliche
Veränderung als eine Bereicherung. Sie entdeckt, dass sie »einen
schönen, erregenden Körper« besitzt, »dass ihre großen honigfarbenen
Augen, ihre vollen Lippen, ihre kräftige Brust und ihr wohl
gerundeter Hintern mit seinen wippenden Backen, dass all dies
wichtige Accessoires im Umgang mit anderen Menschen« sind und
sie beginnt »unterhaltsame Tests durchzuführen«. Dies ist ein
für den arabischen Kulturraum ungewöhnlich offener Ton, den
al-Aswani anschlägt, erst recht, wenn er berichtet, dass besagte
Tests der erblühenden Schönheit auch vor »einem ehrwürdigen
alten Mann« nicht Halt machten, das Mädchen sich im Gegenteil
»ergötzte« am »Anblick des würdevollen Mannes, der plötzlich
weich und wacklig wurde, die Augen wolkig mit Wünschen«. Buthainas
Verlobter spürt deutlich, dass die Beziehung ihm entgleitet.
Ungeachtet dessen wie eindringlich Taha auf Buthaina einredet,
sie entzieht sich ihm, während sie zu begreifen beginnt, dass
sie den angedeuteten Rat ihrer Mutter und einer Freundin
befolgen muss, wenn sie nicht erneut ihre Anstellung verlieren
möchte. Dieser nur indirekt ausgesprochene Hinweis schützt zwar
das kulturelle Dogma der Jungfräulichkeit, kommt gleichzeitig
aber einer - wenngleich eingeschränkten - Prostitution gleich.
Buthaina scheint den ihr vorgegebenen Weg zu akzeptieren, doch
wie an manch anderer Stelle überrascht der Autor auch hier den
Leser.
|
|
Noch
weiter als bei der fesselnden Beschreibung von Buthainas Lebenssituation
lehnt sich der Autor aus dem traditionellen Fenster hinaus,
wenn er von Hâtim Raschîd erzählt. Der Chefredakteur einer französischsprachigen
Zeitung ist bei seinen Redakteuren als Homosexueller bekannt.
In der Regel gelingt es ihm, jegliche Kompromittierungsversuche
aus ihren Reihen durch professionelles Verhalten schon im Ansatz
zu unterbinden. Doch scheint seine innere Festigkeit in dem
Augenblick gefährdet, in dem eine Störung seines Liebeslebens
eintritt. Seine jugendlichen Lover quartiert er für gewöhnlich
in den billigen Wohnungen auf dem Dach des Jakubijân-Baus
ein. In der Perspektive seiner Figur Hâtim Raschîd verrät Al-Aswani
dem Leser einige Details aus der Schwulenszene, die in Ägypten
und anderen vornehmlich islamischen Ländern Anstoß erregen.
Für den hiesigen Leser liegt der besondere Reiz weniger im Detail
solcher »Enthüllungen«, als im Nachvollzug der Aufnahme
des Romans in seinem Herkunftsland.
|
|
Natürlich
kennen die Bewohner des Hauses die Eigenarten und Neigungen
ihrer Nachbarn. Ihre Akzeptanz scheint auch Homosexualität einzuschließen,
solange das Verhalten des betreffenden Nachbarn keine Störung
ihrer Gemeinschaft darstellt, die noch am ehesten unter den
ärmeren Bewohnern auf dem Dach des Jakubijân-Baus zu finden
ist. Einige Aufregung entsteht, als die koptischen Brüder Abascharôn
und Malak sich auf dem Dach auszubreiten beginnen, mehr und
mehr Raum für sich beanspruchen, nachdem sie sich endlich auch
eine Wohnung dort leisten können.
|
|
Mit
dem oben angesprochenen Symbolcharakter der Figuren bietet al-Aswani
der Kritik eine breite Angriffsfläche. Dem Klischeevorwurf entgeht
er jedoch, indem er seinen Charakteren immer wieder Möglichkeiten
eröffnet, eine andere Richtung einzuschlagen, als die bereits
vorgezeichnete und erwartete. Dass sie sich im Einzelfall für
die nahe liegende Alternative entscheiden, enthebt die Darstellung
durch eben jene Wahlmöglichkeit jeglichen trivialen Beigeschmacks.
Lediglich im Falle der Verquickung von Politik und Business
erscheinen die Pfade der Korruption in einem Grade ausgetreten,
dass es den Figuren gar nicht erst möglich ist, diese zu verlassen.
In diesem Fall könnte der Leser dem Autor in seiner Dankbarkeit
für das Aufzeigen der einfachen, aber überaus wirksamen Mechanismen
der landesüblichen Korruption augenzwinkernd unterstellen, er
habe seinen Figuren die beschworene Wahl vor dem beschriebenen
Zeitraum - außerhalb der Romanhandlung - freigestellt.
|
|
Innerhalb
der Handlung steht Kamâl al-Fûlli für die korrupte
graue Eminenz, die die Fäden des politischen Netzes zieht und
ohne deren Hilfe der Neureiche Hagg Muhammed Asâm nicht die
politischen Weihen empfangen könnte, die ihn in die Lage versetzen,
neue Dimensionen monetärer Akkumulationshöhen zu erklimmen.
Einstweilen begnügt er sich damit, seiner Zweitehefrau, von
der seine erste Gattin nichts wissen darf, eine Wohnung im Jakubijân-Bau
anzumieten. Die attraktive Witwe bedankt sich bei ihm für den
(Ehe-)Vertrag mit gespielter Lust, die dem alternden Herrn nichtsdestoweniger
echte nachmittägliche Körperfreuden bereitet. Eine trügerische
Harmonie, die eines Tages durch ein dem Vertrag zuwider laufendes
Ereignis jäh durchbrochen wird. Der Ehemann besteht auf der
präzisen Einhaltung des Ehevertrags und versucht Scheich al-Sammân
vor den Karren seiner Interessen zu spannen. Somit nimmt der
Scheich neben einem zweiten geistigen Führer und Prediger im
Roman eine äußerst fragwürdige Rolle ein. Ein mutiger Schritt
des Autors, bedenkt man, wie schnell es in der Vergangenheit
seitens einzelner islamischer Geistlicher zu folgenschweren
Verurteilungen von Kulturschaffenden kam. Überhaupt ist Der
Jakubijân-Bau in seiner weit reichenden Kritik der
ägyptischen Gesellschaft ein mutiges Werk, zudem ein kompositorisches
Konstrukt, das auf jeder Etage Überraschungen bereit hält, die
gleichermaßen dem Anspruch gerecht werden zu informieren und
- in hohem Maße - zu unterhalten.
(Originaltitel:
Imarat Ya'qoubian)
02/2007
© by Janko Kozmus
|
|
|
| Sie
haben dieses Buch bereits gelesen?! Dann beteiligen Sie sich bitte
mit einem Votum für dieses Buch an der BESTEN-LISTE afrikanischer und arabischer
Literatur auf der MARABOUT-SEITE ! |
|
|
|
Weitere
Rezensionen zu Büchern arabischer Autoren auf
der MARABOUT-SEITE
|
|
|
|