Literatur
DIE MARABOUT-SEITE
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Im Herbst 2005 wurde auf der Frankfurter Buchmesse ein von 30 Verlagen unterstütztes internationales Großprojekt vorgestellt, bei dem Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgerufen wurden, mythische Stoffe neu zu erzählen. In 27 Sprachen sollen die Bücher gleichzeitig erscheinen.
Inzwischen sind in der vom Berlin-Verlag herausgegebenen deutschen Reihe folgende Bände erschienen:
Der Einführungsband von
Karen Armstrong
Eine kurze Geschichte des Mythos
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Berlin 2005
Ingo Schulze
Adam und Evelyn
Berlin 2008
Alexander McCall Smith
Der Gott der Träume:
Der Mythos von Angus
Aus dem Englischen von Michael Kubiak
München 2007
Margaret Atwood
Die Penelopiade
Der Mythos von Penelope und Odysseus
Aus dem Englischen von Malte Friedrich
Berlin 2005
David Grossman
Löwenhonig
Die Geschichte von Samson
Aus dem Hebräischen von Vera Loos
und Naomi Nir-Bleimling
Berlin 2006
Viktor Pelewin
Der Schreckenshelm
Der Mythos von Theseus und dem Minotaurus
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Berlin 2005
Jeanette Winterson
Die Last der Welt
Der Mythos von Atlas und Herkules
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
Berlin 2005
In einer Kritik schreibt Jürgen Brôcan ("Die Rückkehr der Titanen", in: NZZ v. 19.08.2006) über das Gesamtprojekt : "Die gründliche Kenntnis antiker Mythen kann diese Buchreihe (selbstverständlich) nicht ersetzen. Aber sie kann, via Modernisierung, zur Beschäftigung mit ihnen hinleiten, als zeitgemässer Schlüssel zu einer alten Vorstellungswelt." Während der Rezensent die einzelnen Bände insgesamt positiv sieht, stellt er fest, dass Karen Armstrong im Einführungsband im Zeitraffer durch die Menschheitsgeschichte hetze: "Solche schematisch vergröberten Darstellungen haben zwar ein Fundament, aber es bleibt in ihnen kein Raum für eine notwendige Differenzierung, durch die Spekulationen und falsche Details hätten vermieden werden können."
Über Atwoods Penelopiade äußert er sich folgendermaßen: "Atwood (nun) baut die Lebensgeschichte Penelopes um eine Episode aus der Odyssee, die in Wolfgang Schadewaldts Übertragung lakonisch lautet: '... aufgereiht hielten diese ihre Köpfe, und Schlingen waren um alle ihre Hälse, damit sie auf erbärmlichste Weise stürben. Und sie zappelten mit den Füssen, ein weniges nur, nicht gar sehr lange.' Die zwölf Mägde Penelopes, von denen hier die Rede ist, konterkarieren bei Atwood in unterschiedlichen literarischen Formen und Stilvarianten den Bericht Penelopes und entlarven einmal sarkastisch, dann wieder verschmitzt die Brutalität einer patriarchalischen Gesellschaft, die ihnen keine Gerechtigkeit widerfahren liess."
Zu Grossmans Werk Löwenhonig schreibt er: "Nach Grossmans Deutung ist Samson kein strahlender Held, sondern ein zerrissener, an der ihm zugedachten Aufgabe und an seinen übermenschlichen Kräften scheiternder Mensch. Seit seiner Zeugung von seinem Gott für die Bestrafung der Philister missbraucht, gelingen Samson keine vertrauensvollen Beziehungen, weder zu seinen Eltern noch zu den Frauen, die er zu lieben glaubt. Er lebt 'mit einem grossen Rätsel in seinem Innern', das ihn unruhig umhertreibt und zwischen Kreativität und brachialer Gewalt zerreisst. Aus einer heute befremdlich wirkenden Gestalt wird dank Grossmans feiner Charakterzeichnung ein leibhaftiger Mensch in all seiner Tragik."
In seinem Buch Der Schreckenshelm, stellt der Rezensent der NZZ fest, reduziere Pelewin "die Geschichte von Theseus und dem Minotauros auf ein Mythologem: das Bild vom Labyrinth mit einem darin gefangenen Wesen." Und herausgekommen sei "eine höchst originelle Belebung des antiken Stoffs. Das Szenario, in dem sich die sieben Hauptpersonen des Buchs befinden, beschwört einen Topos diverser Science-Fiction-Filme herauf. Ohne Erinnerung daran, wie sie in ihren jeweiligen winzigen Raum gelangt sind, stehen sie nur durch einen Chat untereinander in Verbindung. Da der Leser einzig die Wiedergabe des Chats zur Orientierung hat, befindet er sich in der gleichen Situation wie die Personen, er wird quasi zum Spurenleser im Labyrinth.".
Unschwer zu erraten, welchen Mythos sich der deutsche Teilnehmer dieses Großprojekts vorgenommen hat. Ingo Schulze hat sein biblisches Paar, Adam und Evelyn, vom Paradies ins Deutschland der Wendezeit transferiert und ein "groß gedachtes und konstruiertes Wendeepos" geschaffen, wie Hubert Winkel, der Rezensent der ZEIT, findet...
Der in Simbabwe geborene und aufgewachsene Alexander McCall Smith lebte lange in Botsuana und lehrt mittlerweile in Schottland. In seinem Buch Der Gott der Träume erzählt er den Mythos vom keltischen Gott Angus, der den Menschen die Liebe und die Träume brachte, neu. Angus Geschichte wird im reizvollen Kontrast mit den Geschichten von Menschen im modernen Schottland verwoben .
Man darf gespannt sein auf die weiteren Bücher in dieser Reihe, u. a. haben zugesagt der Nigerianer Chinua Achebe, der Holländer Harry Mulisch und Salman Rushdie. Das Mythen-Projekt soll noch anderthalb Jahrzehnte fortdauern.