DIE MARABOUT-SEITE
linie

linie
linie

Chronik (1901-2016)

Zur Sozial- und Literaturgeschichte Afrikas * von innen und außen 

Tageschronik: 3. August 2000

 

· Die MARABOUT-SEITE zitiert aus Ägypten · 


Fatemah Farag, Reporter der englischspr. Al Ahram Weekly, berichtet über ein strittiges Gerichtsurteil gegen den Romancier Salaheddin Mohsen:

"Angeklagt und für schuldig befunden, den Islam verhöhnt zu haben"

Bewusster Salaheddin Mohsen, schreibt Fatemah Farag, geehrt durch das Verfassen von mehr als einem Dutzend Büchern, wurde vom Staatssicherheitsgericht am 7. August "angeklagt und für schuldig befunden, den Islam verhöhnt und den Heiligen Koran hinterfragt zu haben". Mohsen macht den Islam verantwortlich, heißt es weiter, "für die intellektuelle, ökonomische und moralische Stagnation nicht nur Ägyptens, sondern der gesamten moslemischen Welt".

Über den Werdegang des Angeklagten schreibt Farag: Mohsen habe als Angestellter beim Landwirtschaftsministerium in Kairo begonnen, sei in den  Libanon übergesiedelt, wo er als Schriftsetzer gearbeitet habe, bevor er erneut übersiedelte, diesmal in den Irak, wo er Arbeit als Angestellter fand. Als er nach  Ägypten zurückkehrte, begann er mit dem Verkauf von Malutensilien. Den Erlös nutzte er, um sein erstes Buch herauszugeben. Ihm zufolge, heißt es etwas unmotiviert weiter, erlangten fortgeschrittene Nationen Erfolg durch wissenschaftliche Forschung und nicht durch Religion.

Mohsen kam mit einem vergleichsweise milden Urteil davon - sechs Monate Gefängnis auf Bewährung, meint der Verfasser dieses Artikels. Das Gericht wünschte offensichtlich nicht, ihn in einen ägyptischen Freidenker-Märtyrer zu verwandeln, in eine Art "Giordano Bruno vom Nil".

Das Gericht bejahte auch - in seiner Urteilsbegründung -, so Farag, dass Meinungsfreiheit ein grundlegendes konstitutionelles Recht sei. Sowohl das Urteil, als auch die Begründung wurde von bestimmten Intellektuellen als Sieg angesehen, heißt es weiter. Mohsens Anwalt, Samir El-Bagouri, stimme darin allerdings nicht überein. Er sagte zu Al-Ahram Weekly, "die Entscheidung sei in der Tat ein gefährlicher Präzedenzfall". "Wie kann ein Schuldspruch", wird er von der Wochenzeitung zitiert, "als positiv für intellektuelle Freiheit angesehen werden? Zu argumentieren, dass die vom Gericht angeführten Gründe für das Urteil gut sind, ist irrelevant. Im Gesetz gibt es nur zwei Alternativen: schuldig oder nicht schuldig", sagte er.

Die Gerichtsanhörungen seien am 17. Juni eröffnet und Bitten der Verteidigung, Zeugen einzubestellen, abgelehnt worden. "Ich bat, dass Hamdi Zaqzouq, Minister von Al-Awqaf, einer religiösen Stiftung als Zeuge aufgerufen werden sollte", wird Mohsens Anwalt, El-Bagouri, zitiert, "ebenso wie prominente Intellektuelle, wie Samir Sarhan und Salah Eissa. Der entscheidende Punkt war, dass die strittigen Fragen philosophischer Art sind und nicht durch Gesetz gerichtet werden können. Überdies sind diese Argumente nicht neu und im Verlauf der Geschichte wiederholt geäußert worden".

El-Bagouri hatte argumentiert, heißt es in dem Artikel weiter, dass Spott ein sehr ungenauer Begriff sei, ohne Bedeutung. "Wird ein Text oder ein Argument als anstößig erachtet, sollte es entsprechend widerlegt und nicht durch kriminalistische Untersuchungen und Gesetzsprechung gehandhabt werden. Angenommen, Mohsen behaupte, dass einige Verse des Korans widersprüchlich seien und nicht von Gott niedergelegt worden sein könnten. Möglicherweise sind dies die Zweifel eines Verwirrten. Warum muss man ihn kriminalisieren?" fragt der ausführlich zitierte Anwalt Bagouri.

Im Weiteren lässt der Verfasser traditionell-religiöse Stimmen kommentierend zu Wort kommen. Zunächst wird Salah Eissa, der Chefredakteur von Al-Qahira, einer vom Kulturministerium herausgegebenen Wochenzeitung mit folgender Behauptung zitiert: "Eine gute Entscheidung ist jene, die die Verfassung sowie die islamische Scharia schützt. Jedoch", fügt er hinzu "ist das Urteil in solch vage Worte gefasst, dass es konsequenterweise nicht als Präzedenzfall verwendet werden kann".

Ein weiterer Kommentar stammt vom Chefredakteur von Sawt Al-Azhar (Stimme von Al-Azhar), Gamal Badawi, der sagt, dass "die einfachste Sache für jedermann, jeden jungen Idioten, der berühmt werden möchte, ist, Gott und Religion zu verunglimpfen. Solche Leute verdienen unserer Beachtung nicht. Jedenfalls können jene, die Atheisten sein wollen, es sein, und sie mögen zur Hölle fahren, aber sie haben nicht das Recht, solche Ideen zu veröffentlichen."

Erneut wird auf den vorher zitierten Chefredakteur von Al-Qahira Eissa verwiesen, der zwischen Glaubensfreiheit und Religionsverhöhnung unterscheide. Ersteres, sagt er, sei ein verfassungsmäßiges Recht und auch in der Sharia enthalten. Demgemäß haben die Bürger das Recht, ihre Religion zu wechseln oder ganz aufzugeben, wenn sie es wünschten. "Aber die Religion zu verhöhnen, despektierliche und geringschätzige Begriffe zu benutzen, ist illegal. Atheistische Ideen können diskutiert werden, aber nur innerhalb eines Rahmens, der Respekt für die Gefühle von gläubigen Menschen zeigt".

Und auch der Chefredakteur von Sawt Al-Azhar kommt noch einmal zu Wort: "In einem Fall wie diesem, muss die Regierung einschreiten. Sie muss die Rolle eines Führers übernehmen, um das Gleichgewicht in der Gesellschaft wiederherzustellen."

"Das heutige intellektuelle Klima mag anders als zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein", vermutet Farag, der Reporter von Al Ahram Weekly und fährt fort: "In den 1920ern verfasste Ismail Ahmed Adham ein Buch mit dem Titel Warum ich ein Atheist bin. Es gab auch andere Denker, wie Shibly Shumayel, Yacoub Sarouf und Salama Moussa, die frei über Atheismus, die Evolutionstheorie, Marxismus und andere neue Ideen diskutierten."

Mughith, ein Forscher des modernen ägyptischen Denkens, berichtet er weiter, habe geschrieben: "1889 gab es 50 Tageszeitungen, 1909 84 sowie 200 Wochenzeitungen, viele unter diesen diskutierten offen die Ideen von Denkern wie Herbert Spencer und Hussein Heikal, beide Befürworter einer vorrangigen Stellung der Wissenschaft, wie Nietzsche, der offen für Religionskritik eintrat sowie Voltaire und Jean-Jacques Rousseau, der die politische Reform und die Demokratie vorantrieb".

"Couragierte, freidenkende Intellektuelle legten das Fundament für die Freiheit des Denkens in Ägypten", führt Farag aus. Ahmed Lutfi El-Sayed beispielsweise sei im Jahre 1908 vehement für die Schaffung einer philosophischen Fakultät eingetreten, ein Vorschlag, zu dem die Konservativen in Opposition gingen, da sie glaubten, ein solcher Schritt würde Skeptizismus und Atheismus fördern.

"Das sozio-politische Milieu der Zeit war dem liberalen Gedanken förderlich", so die zitierte Erklärung von Ahmed Atef, eines unabhängigen Forschers. "Es gab ein Maß an sozialer Stabilität, der es einer Elite erlaubte, in engem Kontakt zur intellektuellen Entwicklung in Europa zu stehen, ihre Ideen auszutauschen. Selbst innerhalb des religiösen Establishments wurden Rufe nach Reformen laut, geäußert von Mohamed Abdu und Rifa'a El-Tahtawi."

Selbst Badawi, der Chefredakteur von Sawt, gibt zu, dass das Ägypten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für philosophische und religiöse Debatten ein liberaleres Klima unterhielt als heute. "Heute", wird er zitiert, "sind die Dinge anders, Ausländer assoziieren den Islam mit Terrorismus, und die Religion ist eine sehr empfindliche Angelegenheit im heutigen Ägypten geworden. Das Raunen, das die Veröffentlichung von A Banquet for Seaweed begleitete ist ein gutes Beispiel dieser Empfindlichkeit" und erinnert sich dabei, so Farag, der Proteste an der Al-Azhar Universität gegen den angeblich blasphemischen Roman.

Atef zufolge, schließt Farag, schuf das Auftauchen einer einflussreichen Mittelklasse mit einer ländlichen Mentalität ebenso wie die Politisierung des Islams mit dem Erscheinen der Muslimischen Bruderschaft ein neues soziales und philosophisches Milieu. Er zitiert wörtlich: "Möglicherweise in Reaktion zum liberalen Trend, in dem Religion als etwas Persönliches betrachtet wurde, entwickelte sich die Idee, dass die Gesellschaft in religiöse Strukturen eingebettet werden sollte. Das ist die Auffassung, die sich heutzutage durchgesetzt hat."

Farag resümiert mit einem letzten Zitat von Badawi, der in seinem Artikel auf das offene intellektuelle Klima des frühen 20. Jahrhunderts anspielend sagt: "Es war ihnen (den Säkularisten und Atheisten) erlaubt, ihre Ideen in totaler Freiheit zu diskutieren, aber worauf lief das alles hinaus? Auf nichts. Sie alle kehrten zur Religion zurück und die Ägypter waren unberührt von atheistischer Propaganda." · (Al-Ahram, ÜEK: J.K.)

linie

Quelle:
Al-Ahram, ägypt. Wochenzeitung in arab. u. engl. Sprache (Al-Ahram)

Anmerkungen:
* inkl. arabischer Raum
ÜEK: J.K. --> Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert: Janko Kozmus ©


linie
Weitere Artikel zu  Ägypten in der Afrika-Chronik:
linie
linie