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Das
Glück in der Wüste
In
Nadine Gordimers Roman Der Mann von der Straße begegnen
sich die Kulturen
Von Manfred Loimeier (©)
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Das ist wieder eines dieser Bücher von Nadine Gordimer, in
denen die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin
feinsinnig sezierend erforscht, wie ernst und ehrlich es die Menschen
ihrer Heimat - und damit sind die wohlhabenden Weißen gemeint,
die liberalen Mittelständler - mit der jüngst viel beschworenen
Begegnung der Kulturen meinen. Nur vorgebliches, formales Interesse
als abgerungenes Zugeständnis an die Zeitläufte oder
tatsächliche Anteilnahme, gegenseitig befruchtende Vermischung?
Wobei auffällt: Ein Mann von der Straße, wie
dieser neue Roman heißt, stellt diese Frage nicht nur vor
der Kulisse des Apartheidserbes auf der Bühne Südafrikas,
sondern zoomt sie im Zuge der Globalisierung hoch auf die Größenordnung
Erste Welt versus Dritte Welt, genauer noch: westliche Welt gegen
islamische Welt. |
| In
ihrem jüngsten Roman schildert die 71-jährige Autorin*
in einer bemerkenswert lockeren Sprache, die auch modische Slangausdrücke
aus dem Jugend- und Szenevokabular unbekümmert und ungekünstelt
integriert, die Beziehung zwischen Julie, einer jungen, weißen,
unübersehbar begüterten Tochter aus bestem Hause und Abdu, später
Ibrahim, einem illegal und unter falschem Namen in einer Hinterhofwerkstatt
werkelnden Automechaniker, von dessen Heimatland nur bekannt ist,
dass dort Muslime leben. Manchmal wendet sich Gordimer direkt
an ihre Leser, einmal sogar in der Form des Autoren-Ichs. |
| The
Pickup lautet der Titel des Romans im Original, was nicht
nur ein Auto mit offener Ladefläche meinen kann, sondern auch
etwas, das man unterwegs aufgelesen hat, um es zu Hause erst einmal
zu inspizieren und dann doch in den Müll zu werfen. „Der Fund"
wird Abdu/Ibrahim alsbald genannt, aber dann wächst sich diese
Beziehung zur Freundschaft, zur Leidenschaft und Liebe aus. Und
als Abdu/Ibrahim des Landes verwiesen wird, überrascht Julie ihn
mit zwei Flugtickets, denn sie will ihn begleiten und willigt
dafür sogar in die Heirat ein. |
| Ortswechsel,
Rollenwechsel. Gordimer hat ihren Roman spiegelbildlich in zwei
Hälften geteilt, voller Parallelen und Gegensätze. In der Wüste
seiner Heimat ist Ibrahim nicht mehr passiv, Objekt der staatlichen
Willkür Südafrikas und Gegenstand der Plaudereien in Julies Freundeskreis,
nun wird Julie seiner Familie vorgeführt, muss seine Frau sich
in einer fremden Kultur zurechtfinden, um Integration und Anerkennung
mühen. Gordimer schreibt zwar stets in der dritten Person und
nie aus der Sicht Julies oder Ibrahims, aber ihr Blick ist natürlich
stets ein westlicher. |
| Erkennbar
wird das an dem dezenten Romantizismus, mit dem sie den islamischen
Alltag weitaus weniger detailreich der Kritik unterzieht wie den
südafrikanisch-westlichen. Die Ignoranz, die Herablassung,
die Gordimer in kleinen Gesten, in Nebensächlichkeiten des
Verhaltens und der Wortwahl südafrikanischer Protagonisten
kenntlich macht - derlei zwischen den Zeilen versteckte Anspielungen
fehlen in der Beschreibung des muslimischen Pendants. Während
aus jeder Szene über Südafrika
der
Vorwurf des versteckten Rassismus erklingt und es sinnigerweise
nur Abdu/Ibrahim ist, der den puren Kapitalismus dort akzeptiert,
zelebriert Gordimer die Faszination der Wüste. Wegen dieses
positiv besetzten exotischen Hintergrunds werden Gordimers Passagen
über Ibrahims Heimat trotz der deutlichen Hinweise auf zu
frühe Verheiratung von Frauen, patriarchale Familien- und
Gesellschaftstrukturen sowie Korruption und Waffenhandel ins Beschauliche
relativiert. Dass Julie dann, als Ibrahim Visa zur Einreise in
die USA erhält, in der Wüste bleiben will, überrascht
daher wenig, und die Brisanz von Gordimers unverkennbarem Postulat
der prinzipiellen Gleichwertigkeit der Kulturen verpufft auf Grund
ihres nicht ganz unvoreingenommenen Erzählerstandpunkts.
|
| Aber
nicht nur wegen des für Gordimer ungewöhnlichen Schauplatzes,
sondern auch wegen eines deutlichen Bezugs auf Gordimers bisheriges
Werk ist der Roman Ein Mann von der Straße doch etwas Besonderes.
Rechtsanwalt Hamilton Motsamai, der in Gordimers vorangegangenem
Roman Die Hauswaffe einen Mörder verteidigte, kehrt nun
als Bekannter von Julies Familie wieder und steht wegen seines
finanziellen Sachverstands inzwischen im Dienst eines international
tätigen Bankkonzerns. Dass er indirekt Julie und Ibrahim hilft,
als es um dessen Ausweisung geht, bezeichnet den Spagat erfolgreicher
Schwarzer im heutigen Südafrika, einerseits den Erfolg in der
weißen Geschäftswelt suchen und sich andererseits weiterhin der
schwarzen Sache verpflichtet sehen zu müssen. |
| Nadine
Gordimer: Ein Mann von der Straße. Aus dem Englischen von
Heidi Zerning. Berlin Verlag, Berlin. 272 Seiten, EUR 19,90. |
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(Originaltitel:
The
Pickup)
*
Hier irrt der Rezensent; N.G. wurde am 20.11.2003 bereits 80
Jahre alt.
Die Rezension wurde im Jahr 2001
verfasst, für die
Marabout-Seite übernommen 12/2003
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