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Alain Mabanckou: Zerbrochenes Glas
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Rezension: → Alain Mabanckou - Zerbrochenes Glas

Bodensatz mit Tiefgang

Zerbrochenes Glas heißt die Hauptfigur im gleichnamigen Roman des 1966 geborenen Schriftstellers Alain Mabanckou. Die Tatsache, dass der gebürtige Kongolese seit Ende der 80er Jahre im Westen lebt, zunächst in Frankreich, mittlerweile in Kalifornien, wo er als Universitätsdozent arbeitet, ist seinen Romanen, der vorliegende ist bereits sein fünfter, kaum anzumerken. Verantwortlich dafür ist im Wesentlichen das Personal, das der Autor aus den untersten Schichten der Hauptstadt Brazzaville rekrutiert. Zumeist handelt es sich um Außenseiter, gescheiterte Existenzen, wie Zerbrochenes Glas, Säufer, Huren und Hurenböcke.

Zerbrochenes Glas ist ein Lehrer, der nach exzessiver Trunksucht seinen Job verloren hat und fortan die meiste Zeit seines Daseins in Angeschrieben wird nicht, der Kneipe von Sture Schnecke verbringt. Woher er das Geld nimmt für seine nie endenden Sauftouren, wird nicht klar, doch gehört er zu den wenigen Gästen, die Sture Schnecke entgegen seinem Motto doch anschreiben lässt. Vom Kneipier wird er eines Tages beauftragt, in einem Heft, das dieser ihm überreicht, die Geschichten seiner Stammgäste festzuhalten. Nur wenigen lässt Zerbrochenes Glas die Ehre zukommen, in dieser Chronik verewigt zu werden.

Beide - einzig ausführliche - Lebensberichte, die des Druckers, der nach Frankreich auswandert und eine Französin heiratet sowie die des Pampers tragenden Ex-Häftlings, erzählen davon, auf welch infame Weise diese Männer von ihren Ehefrauen ausgetrickst werden. Sofern sie Zerbrochenes Glas die Wahrheit erzählen, muss man hinzufügen. Denn das, was jeweils am Ende einer tragischen Entwicklung von den Frauen behauptet wird, könnte auch der Wahrheit entsprechen. In diesem Fall würden die (Ehe-)Männer ihrerseits eine Schutzbehauptung präsentieren, weil sie die für sie beschämende Wahrheit nicht ertragen können und so zu einer Lüge gezwungen sind, die sie vielleicht irgendwann selbst zu glauben begonnen haben, eine Lebenslüge. Von diesem Gedanken ist es nicht weit zu der Frage, welches Schicksal dem Ich-Erzähler Zerbrochenes Glas wohl widerfahren sein mag, dass er vom Trinken nicht ablassen kann. Ist es tatsächlich allein die Enttäuschung der ehelichen Sexualität? Sicher hat der Selbstmord seiner Mutter, der wiederum mit der möglichen Ermordung seines Vaters zusammenhängt, zu seiner depressiven Lebenshaltung einen entscheidenden Beitrag geleistet. Eine einfache, weil eindeutige Antwort liefert der Autor Alain Mabanckou nicht. Zerbrochenes Glas' Lebenslauf verläuft wie der der anderen in kantigem, von Emotionen getriebenem Zickzack, ein Anhaltspunkt für Alternativen, ein Anfang oder ein Ende für mindestens vernunftbeseelte Zusammenhänge ist kaum erkennbar; so auch die Schreibweise in diesem Roman: In einer einzigen Suada ergießen sich die Geschichten angenehm sprühend über den Leser, ohne einen groß geschriebenen Anfangsbuchstaben oder einen Schlusspunkt. Überraschend erfrischend wirkt dieser Wortschwall. Neben dem spritzigen Ausdruck sorgen dafür gewohnte Absatzmarkierungen.

Altbekannte, anregend neu erzählte Geschichten stehen neben haarsträubenden Anekdoten und absurden Begebenheiten, von denen der Pisswettbewerb in der Kneipe einzigartig dasteht; Originalität und erstaunlich treffsichere Charakterisierung der daran Beteiligten wiegen mühelos den eindeutig obszönen Touch des Inhalts auf. Alle dargebotenen Geschichten - eine Art Oral History - basieren auf den Berichten von einfachen, nörgelnden, fluchenden und unter wirtschaftlicher Not leidenden Leuten, denen wenig mehr bleibt, als die Flucht in den Alkohol, die wiederum zu Zänkerei um Nichtigkeiten führt.
Ganz unten angekommen sind diese trostlosen Gestalten. Kann man aus dieser Negativbilanz den Wirt Sture Schnecke herausnehmen? Schließlich hat er es geschafft, von nicht unbedeutender Schulbildung ist die Rede und von einer gewissen Cleverness. Die Idee für die Gaststätte sei ihm, so erzählt er seinem Chronisten, bei dem Besuch einer berühmten Kneipe in Kamerun gekommen. Verbirgt sich hinter diesem Hinweis eine Huldigung an den kamerunischen Schriftsteller Patrice Nganang und seinen fabelhaften Roman Hundezeiten, in dem auch eine Kneipe im Mittelpunkt steht? Jedenfalls hebt sich Sture Schnecke ab vom Bodensatz dieser Gesellschaft. Ist er das leuchtende Beispiel für einen Garanten des wirtschaftlichen Erfolgs? Oder ist er nur der Aasgeier, der Leichenfledderer, der seine Landsleute ausbeutet, noch das Letzte aus dem gesellschaftlichen Bodensatz auspresst, der Kapitalist? Das ist eines der schlimmsten Schimpfworte, dieses "Kapitalist", das man einem Saufkumpanen, der Spießchenverkäuferin oder dem Zauberer, der vorgibt seine Kunden, glücklich und reich machen zu können, entgegenschleudern kann. Man kann ihnen Hure, Hurenbock oder sonstige Niedlichkeiten an den Kopf werfen, das alles scheint an starrer Stumpfheit abzuprallen. Fällt jedoch das Wort "Kapitalist", werden sie zum äußerst verletzlichem Wesen, ein Relikt aus alten Zeiten, als diese Gesellschaft - freiwillig oder gezwungen - der sozialistischen Ideologie anhing.

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Bodensatz mit Tiefgang

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Zerbrochenes Glas - die französische Originalvorlage Verre Cassé dieses Romans wurde mehrfach ausgezeichnet - breitet vor dem Leser eine selektive Bestandsaufnahme aus, die weder die Konsistenz noch die Ausgewogenheit eines gesellschaftlichen Querschnitts beanspruchen kann oder will. Allerdings geht eine große Anziehungskraft von seinem Inhalt aus. Wollte man dem Wunsch nachgeben, sich das Ganze von Nahem anzusehen, müsste man sich selbstredend mit dem nötigen Kleingeld versehen, denn im Zentrum dieses feuchtfröhlichen Treibens mit reflexivem Tiefgang heißt es: Angeschrieben wird nicht.

(Originaltitel: Verre Cassé)

02/2013 © by Janko Kozmus

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