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Mit
Ironie aus dem Abgrund
Der
Ugander Moses Isegawa betritt mit seinem Romandebüt Abessinische
Chronik die Bühne der Weltliteratur
Von Manfred Loimeier (©)
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| Der
Titel Abessinische Chronik führt in die Irre, denn
der ugandische Schriftsteller Moses Isegawa zeichnet in diesem
Roman keineswegs eine Begebenheit aus Abessinien, dem alten Äthiopien
auf. Der Titel entspringt vielmehr einem spöttischen Sarkasmus,
der nahezu das gesamte Buch prägt und sich auf die jüngste
Vergangenheit Ugandas bezieht. "Uganda", heißt es gegen
Ende des umfangreichen Erstlingswerks, "sei ein Land der Abgründe,
eine abyssische Region, in der man keinen Fuß vor den anderen
setzen könne, ohne in tödliche Gefahr zu geraten." |
| Der
Roman Abessinische Chronik ist eine tragikomische Familiengeschichte
aus dem Osten Afrikas, die um die Regierungsjahre Milton Obotes,
die Diktatur Idi Amins und den nachfolgenden Bürgerkrieg
kreist. In sechs Teilen reicht die erzählte Handlung vom
Jahr 1971 bis gegen Ende der Achtziger. Ausgeklammert bleibt die
Gegenwart unter Yoweri Museveni. Im Mittelpunkt steht als Erzähler
der Junge Mugezi. Nach dem Tod seiner Großmutter, einer
Hebamme, kommt er vom Dorf in die ugandische Hauptstadt Kampala,
wo ihn Vater und Mutter drangsalieren. An einem Priesterseminar
wird Mugezi zum Lehrer ausgebildet, aber nach einigen Jahren der
Berufstätigkeit verlässt er Uganda
und beginnt in den Niederlanden ein neues Leben. |
| Abessinische
Chronik ist das erste Buch des Autors Moses Isegawa, der 1963
in Uganda zur Welt kam, ein Seminar für katholische Priester
besuchte, anschließend als Geschichtslehrer arbeitete und
1990 nach Amsterdam übersiedelte. Es läge also nahe,
wenn dieser Roman autobiografische Züge enthielte, aber die
Distanz, die Isegawa zu seiner Geschichte und zu seinen Figuren
einnimmt, hält von einer Lesart ab, die auf die Person des
Autors reduziert wäre. Statt dessen tritt unverkennbar der
Vergleich in den Vordergrund, den Isegawa zwischen dem Despotismus
von Mugezis Eltern, dem Dogmatismus des Katholizismus' und der
Diktatur Idi Amins zieht. Wenn weder Familie noch Schule, weder
Gesellschaft noch Kirche - obwohl sie laut Isegawa die einzige
oppositionelle Kraft in jenen Jahren darstellte - demokratisch
organisiert sind, dann, so könnte das Fazit dieses Buchs
lauten, bietet das politische Leben dieses afrikanischen Landes
selbstverständlich keine Grundlage für eine stabile
Demokratie. |
| "Wir
haben Dostojewski gelesen, wir haben gesehen, was den lateinamerikanischen
Autoren in den Siebzigern und den indischen Autoren in den Achtzigern
gelungen ist. Wir haben gesehen, was Gabriel García Márquez für
die südamerikanische und Salman Rushdie für die indische
Literatur bewirkt haben - jetzt wollen wir in Afrika das Gleiche
tun. Jetzt betreten auch die Afrikaner die Bühne der Weltliteratur.
Zum ersten Mal haben wir ein eigenes Gesicht". Kühn und verwegen
klingt dieser Anspruch, den Isegawa in einem Interview mit dem
"Handelsblad” in Holland formulierte, wo der Roman vor zwei Jahren
erstmals erschien. |
| Abessinische
Chronik ist in der Tat ein Buch, das dem Ansehen afrikanischer
Literaturen einen großen Dienst erweisen kann. Die Qualität
des Romans knüpft an die Werke ugandischer Autoren an, die
in den sechziger, siebziger Jahren den Blick der westlichen intellektuellen
Welt nachhaltig in den Osten Afrikas lenkten, wo Okot p'Bitek
und Timothy Wangusa den Ruf
der Makarere Universität in Kampala als Talentschmiede afrikanischer
Literaten bestätigten. Abessinische Chronik läßt
nicht nur an Márquez und Rushdie denken - und wegen seines anfangs
etwas schwer überschaubaren Figurenreichtums an Feodor Dostojekwski
-, sondern auch an Isabel Allendes Geisterhaus und vor
allem an Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Die Kulisse
des Kriegs, Mugezis erwachender Sinn für Erotik, die Kritik
an der Doppelzüngigkeit der katholischen Kirche und das Armutszeugnis
für weltliche Herrscher stellen die humorvoll und üppig
ausgemalte Abessinische Chronik ohne jegliche Übertreibung
und vollkommen zurecht an die Seite des Abenteuerlichen Simplicissimus. |
| Der
Roman Abessinische Chronik ist Familien-Saga und Entwicklungsroman,
Bürgerkriegs-Epos und Schelmenstück. Isegawa gelingt
es ganz unaufdringlich und beiläufig, nie belehrend oder
moralisierend, von den Leichenhaufen auf den Straßen Kampalas
zu schreiben, ohne den Schrecken dieser Szenerie auszublenden.
Isegawa kontrastiert in einer furiosen Hochzeitsszene die verkrampfte
Lustfeindlichkeit einer früheren Nonne mit der körperbewussten
Lässigkeit unbeschwerter Feiergäste, ohne in Klischees
von einer faden europäisierten und einer fröhlichen
afrikanischen Lebensweise zu verfallen. Der Autor berührt
die Aspekte Aids, Beschneidung und Entwicklungshilfe, aber er
vermeidet dabei einen vorwurfsvoll klagenden Tonfall. |
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"Der beste Weg, die brodelnde See der Frustration und Empörung
zu befahren, war Ironie", läßt Isegawa seinen Helden
sagen, und diese Devise scheint auch Programm für die Abessinische
Chronik gewesen zu sein. Das ist gut so, denn auf diese Weise
erträgt man hellhörig die Schilderungen von Plünderungen
und Vergewaltigungen auch durch die tansanischen Befreier vom
Regime Idi Amins, man erduldet die Augenblicke der Folter und
die zahlreichen Fälle von Korruption sowohl durch ugandische
als auch durch tansanische Beamte, Militärs und Zivilisten. |
| Zugleich
vermittelt Isegawa Einblicke in Probleme und Situationen der ugandischen
Geschichte, die für sich genommen Stoff für weitere
Bücher liefern könnten: die Vertreibung und Rückkehr
der Asiaten aus Uganda, die Afrikanisierung der Hauptstadt Kampala
- und die auch hier zu Lande nicht uninteressante Frage, wie die
Rückkehr des beschlagnahmten Eigentums der Asiaten geregelt
werden kann. Isegawa berücksichtigt tribalistische Aspekte
und schildert die Herablassung, mit der die Hauptstädter
die ugandischen Volksgruppen aus dem Norden betrachten, sie als
"Buschmänner" titulieren, sich etwa über die Acholi
lustig machen. Und der Autor schreibt von Borderliners, von ugandischen
Flüchtlingsströmen und Lagern in Sudan und Tansania
- aber er lässt seinen Roman noch vor dem Regierungsbeginn
Yoweri Musevenis enden. |
| Allerdings
bilden derlei Szenen nur die Kulisse für den Haupterzählstrang
des Romans - die Entwicklung Mugezis -; diese Episoden sind nur
darstellend, nie analysierend angeführt, wie es eben von
einem Roman zu erwarten ist, der kein propagandistisches Pamphlet
sein soll. Immerhin hat Isegawa für seinen trotz aller geschilderten
Brutalität unterhaltsam und vergnüglich zu lesenden
Roman die Standards der Sachliteratur berücksichtigt. Auf
diese Weise vermittelt Abessinische Chronik auch einem
größeren Publikum Fakten aus der jüngeren Vergangenheit
Ugandas und trägt damit zur Aufklärung über die
politische Entwicklung dieses ostafrikanischen Landes bei. Kaum
ein Freund belletristischer Werke hätte sonst wohl zu Holger
Bernts und Michael Twaddles Uganda Now (1988), zu Lust
to Kill. The Rise and Fall of Idi Amin von Joseph Kamau
und Andrew Cohen (1979) oder zu Mahmood Mamdanis From Citizen
to Refugee (1973) gegriffen, deren Erkenntnisse Isegawa in
seinem Buch präzise resümmiert. |
| Isegawa
klopft mit diesem Roman tatsächlich, wie es die holländischen
Kritiker Anil Ramdas und Koen Vidal formulierten, "ans Tor der
Weltliteratur". Kein Wunder, dass dieses Buch soeben auch in den
USA und in Großbritannien erschien, in den Niederlanden
als Hardcover-Ausgabe vergriffen ist und dem Autor Isegawa zu
einem grandiosen literarischen Höhenflug verhalf. Nach seinem
zweiten, vor einem Jahr publizierten Roman Schlangengrube
schreibt Isegawa gerade an seinem dritten Buch, dem Roman Kaffeestreit. |
| Isegawa,
Moses: Abessinische Chronik. Karl Blessing Verlag, 606
Seiten, 23,45 Euro. |
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(Originaltitel:
Abessinske krøniker)
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Für
die Marabout-Seite übernommen 12/2003
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