| Eine
große Zahl von Personen bevölkert diesen in der deutschen
Übersetzung knapp tausend Seiten umfassenden Roman, und es
ist der Umsicht des Verlags zu danken, dass dem Leser in Form
einer als Lesezeichen zu nutzenden Karte, auf der alle Handelnden
der ersten und auch der zweiten Reihe aufgeführt sind, eine
hilfreiche Übersicht mitgegeben wird, die ihm einen mühelosen
Einstieg in die sich schnell weit verzweigende Romanhandlung ermöglicht.
Die beiden wichtigsten Figuren sind der Namensgeber des Buches,
der Herr der Krähen und sein Gegenpol, der Herrscher
des fiktiven afrikanischen Staates Aburíria. Der Herr der
Krähen heißt mit bürgerlichen Namen Kamítí,
der Autokrat des an das Herkunftsland des Autors erinnernden Kenia
wird einfach nur "der Herrscher" genannt; er ist so
lange im Amt, dass er sich selbst kaum erinnern kann, wann er
es übernommen hat.
Während
der Herrscher sogleich die Szenerie betritt, indem fünf
Theorien für die seltsame Krankheit, die ihn befallen habe,
ausgebreitet werden, muss sich Kamítí bis ans
Ende des ersten von fünf (Dämonen-)Büchern gedulden,
dem Buch "Dämonen der Macht", bis er in Erscheinung
tritt: Ein junger Mann, der erkennbar schon bessere Tage erlebt
hat, mit schäbigem Anzug, getrieben von Hunger und Verzweiflung,
so dass er kurzerhand seinen geschundenen Körper verlässt,
sich seinem Vogel-Ich anvertraut und über sein Land erhebt,
um dem Leser, diesem seinen Blick leihend, sogleich die Widersprüche
in Aburíria erkennen zu lassen: Familien, die mit ihren
Kindern in "Hütten aus Pappe, Schrottteilen, abgefahrenen
Reifen und Plastik" hausen und gleich neben diesen Elendshütten
"Herrenhäuser aus Ziegeln, Stein, Glas und Beton".
Während Kamítí als Adler über die Gegend
gleitet, kann er sehen, wie einige Müllmänner seine
leblose Hülle entdecken und diese auf die Ladefläche
ihres Wagens packen. Er beschließt, in seinen Körper
zurückzukehren, der sich mit einem Niesen gegen den Gestank
auf der Ladefläche wehrt. Die Müllmänner erschrecken,
lassen ihren Wagen im Stich und rennen mit den Rufen „Teufel“
und „Satan“ davon.
Diese
Szene ist sypmtomatisch für das Verfahren, mit dem Ngugi
wa Thiong’o dem Geschehen Antrieb verleiht. Das Verkennen
eines vorliegenden Tatbestands – hier der für tot
gehaltene Kamítí – verleiht der Handlung
immer neue, überraschende Wendungen. Diese Art von Fehleinschätzung
ist nicht allein in der Naivität der einfachen Leute anzutreffen,
sondern reicht bis in die Spitze des Staates, bis zum Herrscher
selbst sowie seinen beiden bedeutendsten – rivalisierenden
– Ministern, dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten
Markus Machokoli und Silver Skiokuu, dem Herrn über den
Geheimdienst. Auch sie sind allzu schnell dabei, als Ursache
ungewöhnlicher Begebenheiten mystische Kräfte und
Zauberei zu unterstellen. Selbiger Mechanismus verschafft Kamítí
den Ruf eines Zauberers. Doch Ngugi belässt es nicht bei
diesem, eher zufälligem Zusammentreffen von Ereignissen,
das seiner Hauptfigur Kontur und Schärfe verleiht und dem
Leser eine einfache Antwort auf die Frage "Wie ...",
"Wie macht der Herr der Krähen das?" verweigert,
sondern fügt dem Zufall eine Art Prädisposition hinzu.
Als
Kamítí, nachdem er zwischenzeitlich der Hauptstadt Eldares und
der Profession des Zauberers den Rücken kehrt und in der
Einsamkeit der Natur meditative Besinnung gesucht hat, in sein
Heimatdorf zurückkehrt und auf seinen Vater trifft, erzählt
dieser ihm, dass ihre Familie von alters her, so auch der Großvater,
gewisse metaphysische Fähigkeiten besessen habe, für
deren Vorhandensein auch bei Kamítí deutliche Zeichen sprachen.
Er habe seinem Sohn jedoch nichts davon erzählt, um ihm
ein modernes Leben und somit Wohlstand zu ermöglichen.
So hat denn Kamítí nichtsahnend in der Bildung seinen Weg gesucht,
indem er in Indien Betriebswirtschaft studierte und nebenbei
sehr viel über die Mythologie dieses Landes erfuhr und
ihr einigen Stellenwert beimaß. In seine Heimat zurückgekehrt,
ereilte ihn aber das gleiche Los wie viele andere Hochschulabsolventen:
die Arbeitslosigkeit.
Der
1938 geborene
Ngugi
wa Thiong'o verfasste
dieses Buch zunächst in Kikuyu, der Sprache seines Volkes
und übertrug es dann selbst ins Englische, ein Verfahren,
das er zuvor bereits bei anderen Büchern anwandte. Die
englische Fassung des Romans wurde unter dem Titel Wizard
of the Crow bereits im Jahre 2006 herausgegeben, bevor
es dann dieses Jahr in Deutsch erschien; eine Verzögerung,
die bei dem immensen Umfang des Werks leicht nachvollziehbar
ist. Aus der ursprünglichen Kikuyu-Fassung übrig geblieben
sind noch einige Namen, wie beispielsweise Kamítí,
was für "Kleine Bäume" steht oder Nyawira,
was "Arbeiterin" bedeutet, was ebenfalls der beigefügten
Karte zu entnehmen ist.
Mit
Nyawira, der Geliebten und geheimen Verbündeten des Herrn
der Krähen rückt Ngugi wa Thiong’o eine starke
Frauenfigur ins Zentrum seines Romans. Sie arbeitet als Sekretärin
für den Bauunternehmer Titus Tajirika, den Leiter des Mammutprojekts
"Marching to Heaven" und gehört dem Untergrund
an, der für die Ablösung der korrupten Macht kämpft.
Wie Tajirika als erster einer rätselhaften Krankheit verfällt
– trotz größter Anstrengung zu sprechen kann
er nur noch das Wörtchen "wenn" artikulieren
– und er das Arbeitsfeld seiner Gattin Vinjinia überlassen
muss, steht Nyawira dieser tatkräftig zur Seite; gemeinsam
entwickeln sie größere Kompetenz, als sie Tajirika
an den Tag legte. Auch als dieser, wieder zu Kraft gekommen,
seine Frau, die er gleichwohl liebt, verprügelt, ist es
Nyawira, die für ein Ende der häuslichen Gewalt sorgt;
unversehens wird der Täter zum Opfer, ungheuerlicherweise
von Frauen. Ein Vorgang, der der internationalen Presse nicht
entgeht und so seinen langen Weg in die neue Welt zur Global
Bank findet, die den Kredit für "Marching to Heaven",
dass Aburíria in die erste Reihe afrikanischer Staaten
bringen, ja selbst den Westen überflügeln sollte,
auch aus diesem Grund verweigert. Neben anderen Ereignissen,
die die Autorität des Herrschers untergraben und die dieser,
aufgehetzt durch seine Minister, ebenfalls Nyawira zuschreibt,
führt dies dazu, dass Nyawira zur Staatsfeindin N°
1 erklärt wird und schließlich für längere
Zeit von der Bildfläche verschwindet.
Die
Handlung des Romans Herr der Krähen vollzieht
sich in zahlreichen Erzählperspektiven. So kommen die wichtigsten
Personen zu ihrem Recht, am hellsten jedoch strahlt ein gewisser
Arigaigai Gathere alias A.G., der sich vom Saulus zum Paulus
wandelt, vom Verfolger Kamítís – als Constable
of Police – zum glühenden Verehrer des Herrn der
Krähen. Er gleicht dem klassischen ostafrikanischen Geschichtenerzähler,
einem Griot, wenngleich er seine Geschichten vom Zauberer und
seiner Assistentin Nyawira und vielen anderen wie des Herrschers
Augen und Ohren, Machokali (Swahili; Macho: "Auge(n)"
u. kali: "scharf/böse") und Sikiokuu (Swahili:
Siki: "Ohr(en)", -kuu: "größer")
mit Vorliebe in Kneipen vorträgt. Mit der Wahrheit nimmt
er es sehr genau, lässt man einmal außer Acht, dass
gerade auch er einem hohen Maß an Verkennung der Fakten
unterliegt. Dann wieder biegt er diese Wahrheit um des billigen
Effekts wegen bis zum Brechen, so dass es selbst trunkenen Zuhörern
zu viel wird und sie ihn davonjagen.
Der
permanente Perspektivwechsel hält das Interesse des Lesers
wach, durch Nutzung von Versatzstücken aus der "wahren
Welt" gelingt es Ngugi wa Thiong’o, seine Dichtung
mit der notwendigen Verankerung in der Realität zu versehen.
Wenn er von der Vorliebe für des Herrschers Leopardenfell
spricht, so schwebt aus jener "wahren Welt" sogleich
der Name Mobutu herüber und nennt er den abgeänderten
Namen Jean-Pierre Sartre, so wirkt – ohne weitere Erklärung
– die Sonderstellung des Sartre aus der "wahren Welt"
in das Reich des Herrn der Krähen.
Die
verschiedenen Perspektiven erlauben es dem Autor, sehr nah ans
Geschehen zu rücken, bis ins Zentrum der Macht, dann wieder
abzurücken, um dem Leser in der Abstraktion der Erzählung
durch Randfiguren Übersicht zu gewähren. Positive
Würze, wie liebevolle Zuneigung oder Solidarität,
mengt er dem Gericht selten bei, häufigste Beilage ist
der Humor, der sich bis hin zu Spott und Häme streckt und
so der Gesamttextur satirischen Biss verleiht.
Die
Form der Satire bringt zweierlei mit sich: Einmal entschädigt
sie den Leser reichlich dafür, dass er in Herr der
Krähen nicht mehr das vermeintlich ursprüngliche
– romantische oder dumpf vor sich hin brütende –
Afrika vorfindet, sondern eine Welt, in die längst auch
die Globalisierung Einzug gehalten hat; die Satire kittet sozusagen
die Risse der globalen Gleichförmigkeit. Gleichzeitig birgt
sie in ihrer scharfen Form die Gefahr in sich, den westlichen
Leser dazu zu verleiten, den Inhalt als "überzogen"
zu empfinden, was der beabsichtigten Kritik des politischen
Systems eben jene Schärfe nimmt und das Bild vom rückständigen
Afrika zum Leben zu erwecken droht. Ruft man sich jedoch in
Erinnerung, welche absurden Rituale sich "am Hofe"
eines Idi Amin oder eines Mobuto, dem Mann mit jenem Leopardenfell
zugetragen haben, wirken die im Buch beschriebenen Absurditäten
weit weniger irreal und abseitig, sondern unterstreichen lediglich
die möglichen Irrwege menschlicher Psyche, die selbst die
Kreativität eines Romanciers vom Schlage des Ngugi wa Thiong’o
eher noch in den Schatten stellt.
Ngugi
wa Thiong’o hat mit Kamítí eine Romangestalt
geschaffen, die für den Versuch seiner Welt steht, die
Tradition hinter sich zu lassen. Weder die Intention des Vaters,
ihn neue Wege gehen zu lassen, noch Kamítís eigener
Bildungsanspruch bewahren ihn vor dem Abdriften in ausgetretene
Wege. Gegen seinen Willen wird er zum Zauberer erhoben. Die
Figur des Herrn der Krähen stellt eine Verdichtung dar,
die reinste Verkörperung der Schwierigkeiten, die der Versuch
mit sich bringt, das Rückständige, den Aberglauben,
die Welt der Hexen und Zauberer zu überwinden und in das
moderne Reich des Wohlstands zu treten. Und so sehr sich Kamítí
auch dagegen wehrt, wird er doch immer wieder von seiner Umwelt
in die Rolle des Herrn der Krähen hineingedrängt.
Das einfache Volk braucht den Zauberer, um sich von seinen Nöten
zumindest zeitweise zu lösen, die Ehrgeizlinge erhoffen
sich von ihm die Ebnung einer Bahn nach oben und die Reichen
und Mächtigen sehen in ihm die Möglichkeit des Erhalts
des bereits Erreichten. Im Spannungsfeld dieser Erwartungshaltungen
droht Kamítís eigenes (Liebes-)Glück zu zerbrechen.
Zum Showdown will er seinem eigenen Willen folgen, nicht ahnend,
dass ihm erneut eine besondere Rolle zugedacht ist an dem Tag,
an dem das Volk zum Widerstand aufgefordert ist und zu dem der
bauernschlaue Herrscher nachträglich zur Volksversammlung
aufruft.
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