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Plädoyer für weibliche
Selbstbestimmung
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Fatou
Keïtas Roman Die stolze Rebellin
Von Manfred Loimeier (©)
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| Drei
Autobiografien haben in den beiden vergangenen Jahren das Augenmerk
der Ersten Welt auf das Problem der Genitalverstümmelung
in afrikanischen Ländern gelenkt. Vor allem der - allerdings
äußerst banal verfasste - Text des früheren Top-Models
und der heutigen UNO-Sonderbotschafterin Waris Dirie aus Somalia
sorgte für ein gehöriges Maß an Empörung.
Nie zuvor war es afrikanischen Literaten gelungen, mit ihren Werken
ein ähnlich hohes Maß an Solidarität im Bemühen
gegen Klitorisbeschneidungen in Afrika zu erreichen. Schon 1968
hatte Ahmadou
Kourouma aus der Elfenbeinküste
in seinem Roman Der schwarze
Fürst auf die Folgen der Beschneidung hingewiesen, und
1983 berührte der somalische Autor Nuruddin
Farah in seinem Buch
Close
Sesame eben dieses
Problem. |
| Es
mussten erst amerikanische Journalistinnen und Dozentinnen auf
dieses Thema stoßen, bis es auch hier zu Lande ins Bewusstsein
drang - alle drei erwähnten Autobiografien von Waris Dirie
und Cathleen Miller (Wüstenblume, 1998), Fauziya Kassindja
aus Togo
und
Layli Miller Bashir (Niemand sieht dich, wenn du weinst,
1998) sowie von Virginia Lee Barnes und Janice Boddy (Das Mädchen
Aman aus Somalia,
1994) billigten den Afrikanerinnen ja nur eine Rolle als Materiallieferantinnen
zu. Der Roman Die stolze Rebellin von Fatou Keïta aus der
Elfenbeinküste ist vor diesem Hintergrund besonders bemerkenswert.
Er wurde erstens von einer Afrikanerin selbst verfasst, und er
wurde zweitens von einer Frau geschrieben und macht drittens Genitalverstümmelung
zu einem der Hauptthemen - im Gegensatz zu den anderen genannten
Publikationen aus Afrika. Die stolze Rebellin ist der erste
Roman der Literatur-Dozentin Keïta, die bislang drei Kinderbücher
veröffentlichte - und eines davon im Vorjahr*auch
in deutscher Übersetzung (Die Diebin des Lächelns).
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| In
ihrer Schreibweise für Die stolze Rebellin orientierte
sich Keïta offenkundig an zwei großen Schriftstellerinnen
aus Afrika, deren Werke auch in Großbritannien hohe Auflagen
erzielten und zudem in deutscher Sprache vorliegen: an Buchi Emecheta
aus Nigeria
und an Ama Ata Aidoo aus Ghana.
Diese beiden Autorinnen rückten Frauenschicksale in den Mittelpunkt
ihrer Romane, wobei sie auf eine trivial emotionalisierte Handlung
und eine einfache Sprache setzten. Erzählt wird geradlinig,
ohne Rückblenden oder Perspektivwechsel, ohne stilistische
Verspieltheit oder analytische Dialoge. |
| Auch
Keïtas Roman ist daher kein großartiges Stück Belletristik, sondern
erhält seinen Stellenwert nur aus der Themenwahl, die für den
afrikanischen Kontext unbestritten provokativ ist und wohl allein
den deutschen Verlag zur Veröffentlichung bewog. Bemerkenswert
sind trotzdem noch zwei Nebenaspekte dieses Romans, in dem ein
junges Mädchen sich der Beschneidung entzieht, vor einer arrangierten
Hochzeit flieht, in Europa studiert und sich fortan für die Rechte
der Frauen in Afrika engagiert. Zum einen kehrt die Heldin Malimouna
nach Afrika zurück, um dort vor Ort zu wirken. Keïta verharrt
also nicht in der Exilantenpose der drei Autobiografinnen. Sie
korrigiert zum anderen zwei Facetten eines Rollenklischees, das
aus europäischer Sicht den afrikanischen Mann zum Erotik-Hit deklariert
und aus afrikanischer Sicht den europäischen Mann zum leidenschaftslosen
Lüstling reduziert. Malimouna geht nämlich eine Ehe mit einem
Weißen ein, die zwar an den Vorbehalten der afrikanischen (!)
Gesellschaft scheitert, von der Autorin aber dennoch als positiv
geschildert, ja beinahe schon wieder verklärend überzeichnet wird.
Malimounas folgende Ehe mit einem Schwarzen endet hingegen in
einem Fiasko aus Schlägen, Wut und männlichen Stolz. |
| Keïta
rechnet dabei mit überkommenen Traditionen Afrikas ab, die wiederum
in Übersee, also auch bei uns, so gern als authentisches Zeichen
einer verloren gehenden Weisheit bewundert werden. Aber die Autorin
verdeutlicht, dass beides zusammen natürlich nicht geht: Abschied
von einem diskriminierenden, verletzenden Frauenbild und Wahrung
einer Gesellschaftsstruktur, die zutiefst patriarchalistisch ist.
Insofern ist der Titel des Romans gut gewählt, denn seine Handlung
rüttelt an verkrusteten Denkmustern sowohl in Afrika als auch
in Europa. |
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Fatou
Keïta: Die stolze Rebellin.
München:
Frederking & Thaler Verlag, 2000. 168 Seiten.
Ullstein Tb, Sept. 2003, 165 Seiten, EUR 6,95.
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*
Die Rezension wurde im Jahr 2000 verfasst, für
die Marabout-Seite übernommen 11/2003, anlässlich
der Neuauflage bei Ullstein im September.
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