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Rezension: → Ahmadou Kourouma - Die Nächte des großen Jägers

Vom Zauber der Macht

Ein Roman über die Diktaturen Afrikas

Von Manfred Loimeier (©)

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Die Nächte des großen Jägers
Audio-CD

Drei Romane in dreissig Jahren lautet die Bilanz des Schriftstellers Ahmadou Kourouma aus der Elfenbeinküste. Drei Romane allerdings, die in besonderem Maße die Geschichte Afrikas im 20. Jahrhundert darstellen und die neuere afrikanische Literatur wesentlich beeinflusst haben. 1968 publizierte Kourouma, nachdem er auf Grund eines Putschverdachts gegen den Präsidenten der Elfenbeinküste, Félix Houphout-Boigny, vorübergehend inhaftiert worden und nach Algerien exiliert war, das Buch Der schwarze Fürst, eine bittere Abrechnung mit dem Machtmissbrauch der ersten Amtsinhaber in den gerade unabhängig gewordenen Staaten Afrikas. 1990 folgte mit dem Roman Monnè, outrages et défis (Monnè, Beleidigungen und Herausforderungen) das Porträt eines kollaborierenden afrikanischen Königs zur Zeit der vorrückenden französischen Kolonialarmee gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und nun* legt der 73-jährige Kourouma mit dem Roman Die Nächte des großen Jägers eine Bilanz vor, die den afrikanischen Diktaturen während des Kalten Krieges gewidmet ist.

Seit 1993 lebt Kourouma, der die Siebziger in Kamerun und die Achtziger in Togo verbrachte, wieder in der Elfenbeinküste und widmet sich nach dem Ende seines Berufslebens als Versicherungsmathematiker mehr denn je seinem schriftstellerischen Werk. Der nächste Roman ist nahezu abgeschlossen; er wird den Titel tragen Allah n'est pas obligé de faire juste toutes ses choses (Allah ist nicht verpflichtet, alle seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen) und am Beispiel Liberias und Sierra Leones die Bürgerkriege in Afrika aufgreifen sowie das Schicksal der Kindersoldaten. Alle vier Romane formen dann von der Kolonisierung bis in die unmittelbare Gegenwart ein barockes Panoptikum der jüngsten Geschichte Afrikas. Die Nächte des großen Jägers zeigt den Werdegang eines Diktators, dessen Figur eng, aber nicht allein an die reale Person des togolesischen Alleinherrschers Gnassingbé Eyadéma angelehnt ist. Koyaga, wie der Held in Kouroumas Roman heißt, gehört zur Bruderschaft der Jäger und kommt aus einem entlegenen Dschungelgebiet im Norden eines afrikanischen Landes am Golf von Guinea. Koyaga bewährt sich als Soldat in der französischen Armee, wird nach seiner Rückkehr wegen missachteter Befehle von Regierungssoldaten verhaftet und bereitet einen schließlich erfolgreichen Putsch gegen den Amtsinhaber vor. Die folgenden dreissig Jahre von Koyagas Herrschaft sind gekennzeichnet von einem blutig-brutalen Machterhalt und von den Lehren, die Koyaga von befreundeten Diktatoren mit auf den Weg bekommt.

Unschwer erkennbar und in der Auflistung dieser politischen Ahnengalerie ein bisschen ermüdend aneinandergereiht sind als Vorbilder Koyagas die Diktatoren Félix Houphout-Boigny (Elfenbeinküste), Jean-Bedel Bokassa (Zentralafrikanische Republik), Gnassingbé Eyadéma (Togo), Hassan II. (Marokko), Mobutu Sese Seko (vormals Zare) und Sekou Touré (Guinea). Bemerkenswert an der Schilderung ihrer Diktaturen ist allerdings, wie nachvollziehbar es Kourouma gelingt, den totemistischen Aberglauben und die Kraft der Magie zu vermitteln, auf denen der Personenkult dieser Despoten wesentlich beruhte. Auch Koyagas Herrschaft stützt sich letztlich auf Elemente, denen in der afrikanischen Mythologie unbezwingbare Macht zugeschrieben wird: Koyagas Mutter hat ihren Sohn durch Zauber unverletzbar gemacht, und Koyagas Marabut ist als Besitzer eines Korans mit magischen Kräften sowie eines Meteorsteins mit Fetischwirkung der beste aller Berater. Die zahlreichen Attentate, die Koyaga überlebt, bestärken das Volk im festen Glauben an die geradezu göttliche Stärke Koyagas. Die Qualität von Kouroumas Roman liegt aber nicht nur in der Durchleuchtung dieser Verquickung von politischer Herrschaft und irrationalem Wunderglauben. Das Besondere an dem Buch ist vor allem seine Gestaltung als Lobgesang, als Loblied auf einen Herrscher, wie es in Westafrika von so genannten Griots üblicherweise zu Ehren traditioneller Fürsten und Könige vorgetragen wurde. Indem Kourouma diese Erzählform aufgreift, führt er seine Leser ungezwungen in eben jene afrikanische Mentalität ein, die in seinem Roman nicht zwischen Mythos und Moderne unterscheidet.

Ein Griot, hier Sora genannt, singt das hohe Lied auf seinen Herrn - hier Koyaga -, indem er die Taten des Besungenen ruhmheischend auflistet. Durchbrochen wird dieser Gesang zum einen durch spöttische Einwürfe eines als Narr auftretenden so genannten "Antworters" des Griots, zum anderen durch historisch verbürgte Sprichwörter und Weisheiten aus der Oratur Westafrikas. Die Nächte des großen Jägers dokumentiert demnach einerseits ein bedeutendes Stück Geschichte aus der Entwicklung afrikanischer Staaten, andererseits ein literarisches Genre, das für die westafrikanische Kultur elementar ist. Dabei vermag es Kourouma, die Atmosphäre des ursprünglich oralen Vortrags in die Schriftlichkeit der Belletristik zu übertragen, ohne dass dies gestelzt oder banal wirkt.

Ganz im Gegenteil dürfte diese Methode einen Meilenstein in der jüngeren Geschichte der Literaturen Afrikas darstellen, so wie es Kourouma schon mit seinem ersten Roman Der schwarze Fürst vermochte. Damals, 1968, integrierte Kourouma in das Französisch seiner Literatursprache die Syntax und Bildsprache der Malinke, der Volksgruppe, der er entstammt. Mit dieser Erweiterung des Französischen leitete Kourouma eine Entwicklung ein, die heute als Afrikanisierung des Französischen gang und gebe ist und von jüngeren Autoren wie etwa Tiérno Monénembo aus Guinea als vollkommen adäquat vorangetrieben wird.

Was die Oratur betrifft, so findet sich diese zwar häufig teilweise in Themen, teilweise im Erzählgestus afrikanischer Literatur, nie aber so ausladend, ausgeprägt, und trotz ihrer ironischen Brechung so authentisch und überzeugend wie in Kouroumas Die Nächte des großen Jägers. Drei Literaturpreise, die Kourouma für seinen neuen Roman bereits erhielt, unterstreichen diese enorme Leistung. Diese unvertraute Art von Lektüre muss europäischen Lesern übrigens kein Befremden bereiten - in Frankreich stand der Roman Die Nächte des großen Jägers monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten.

Ahmadou Kourouma: Die Nächte des großen Jägers. Wuppertal: Peter Hammer Verlag, 2000. 360 Seiten.

(Originaltitel: En attendant le vote de btes sauvages)

* verfasst 2000, für die Marabout-Seite übernommen 05/2004
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