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Wankende
Lügengebilde
Nuruddin
Farahs Parabel auf Somalia
Von Manfred Loimeier (©)
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In Sophokles' gleichnamiger Tragödie bringt König Ödipus
Unheil über eine Gemeinschaft. Ödipus' Vater war dieses
einst prophezeit worden, und er schickte sein Kind in den Tod,
doch ein Schäfer missachtete dieses Urteil. In dem Roman
Geheimnisse des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah
hätte die weibliche Hauptfigur Sholoongo kurz nach der Geburt
getötet werden sollen. Ihre Angehörigen verhinderten
dies, und nun, gut dreissig Jahre später, bringt Sholoongos
Rückkehr eine somalische Familie arg in Bedrängnis.
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| Das
muss man sich erst einmal vorstellen: Schneit eine junge Frau
in die Wohnung des adretten Kalaman und wünscht von ihm -
mir nichts, dir nichts - ein Kind. Nicht ohne Zufall hat der mit
dem Neustadt-Literaturpreis ausgezeichnete, 55-jährige Farah
diese Parallele zwischen antiker und zeitgenössischer Tragödie
gezogen. Sein Roman beschreibt nicht einfach nur einen Familienzwist,
sondern thematisiert am Beispiel dieser Familie auch den Zerfall
der somalischen Gesellschaft. Geheimnisse spielt am Vorabend
des Bürgerkriegs in dem ostafrikanischen Land und kennzeichnet
genau den Wendepunkt zwischen einer großväterlichen,
sich teilweise nach islamischen, teilweise nach prä-islamischen
Regeln organisierenden Gesellschaft und einer auseinander triftenden,
von Clan-Interessen zerriebenen somalischen Gemeinschaft. |
| Geheimnisse
ist so rätselhaft, poetisch und gleichnishaft geschrieben,
wie es der Titel schon vermuten lässt. Hier die Magie der
ländlichen Welt, dort der Materialismus einer von Milizen
schon besetzten Stadt wie Mogadischu. Und doch ist es so einfach
nicht, gräbt Farah tiefer in der Psyche seiner ausgezeichnet
charakterisierten Figuren. Plötzlich wird gewahr, dass hinter
der Fassade eines Familienidylls längst der Zerfall in Gestalt
vielerlei verheimlichter Lügen wucherte. Kalaman, der junge
Protagonist, muss sich als Folge einer frühen Vergewaltigung
seiner Mutter akzeptieren, muss seine Beziehung zu Vater und Großvater
neu bestimmen. Hier entwickelt Farah eine interessante These:
Nicht nur in die Vergangenheit sollst du blicken und dich mit
Unwiderruflichem zermürben, sondern auch die Gegenwart begreifen
und derart die Zukunft gestalten. Ein Ratschlag mit Blick auf
Somalia? |
| Farah
verlangt seinen Lesern viel Konzentration, viel Mitdenken, viel
Lesearbeit ab. Nur langsam enthüllt der Roman Geheimnisse
seine verborgenen Reize, aber Schritt für Schritt zieht das
bisweilen mythisch unerklärliche Geschehen in seinen Bann.
Das Buch entwickelt eine tiefgehende Langzeitwirkung, verführt
zum Miträtseln und leistet zweierlei: Es nimmt schmerzlos
Abschied von einer im Bürgerkrieg untergehenden Lebensform,
und es begrüßt das erwachende Selbstbewusstsein seines
Helden, der sich selbst gegenüber Rechenschaft abverlangt
und Verantwortung für sein Tun übernimmt. |
| Ein
politischer Roman, ein didaktischer Roman, ein Familienroman -
wie das Leben nun einmal ist. Nuruddin Farah wird im Herbst zur
Frankfurter Buchmesse kommen*, um dort,
an der Seite Wole
Soyinkas, sein Buch Bruder Zwilling vorzustellen,
das im Verlag Frederking & Thaler erscheinen wird. |
| Nuruddin
Farah, Geheimnisse. Suhrkamp Verlag, 398 Seiten. |
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(Originaltitel:
Secrets)
*
Die Rezension wurde im Jahr 2000 verfasst , für die Marabout-Seite
übernommen 11/2003
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