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Im
Rausch der Macht
Moses
Isegawas zweiter Roman Die Schlangengrube über Uganda
Von Manfred Loimeier (©)
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| Als
der ugandische Schriftsteller Moses Isegawa vor vier Jahren mit
seinem Debütroman Abessinische
Chronik, einer Familiensaga aus dem Uganda
der siebziger Jahre, durchaus kometenhaft auf dem Sternenhimmel
der Weltliteratur erschien - immerhin stand das Buch monatelang
auf zahlreichen Bestsellerlisten und wurde in neun Sprachen übersetzt,
im Jahr 2000 auch ins Deutsche -, da begeisterte dieser Roman
auch hier zu Lande wegen seines süffisanten Humors und seiner
spitzzüngigen Ironie, die es erlaubte, den Lesern die Schilderung
sogar schlimmster Massaker des ugandischen Bürgerkriegs zuzumuten. |
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diesem berauschenden Witz, von dieser lebensfrohen Zuversicht
noch angesichts der erschütterndsten Schrecknisse ist die
Prosa von Isegawas zweitem Roman weit entfernt. Gleichwohl ist
das soeben in deutschsprachiger Übersetzung erschienene Werk
Die Schlangengrube des bald vierzigjährigen Isegawa
kein schlechtes Buch - es ist sogar ein gutes Buch, beinahe ein
sehr gutes. Mit etwas weniger Figuren als im Roman Abessinische
Chronik und mit einer geradlinigeren Handlung entwirft auch
Die Schlangengrube das lebendige Panorama einer Gesellschaft,
die hin und her gerissen und zutiefst erschüttert wird und
doch die Tragödie einer Schreckensherrschaft überdauert.
Lediglich zum Ende des Romans hin wiederholen sich einige Formulierungen,
findet sich ein dramaturgischer Hakentrick wieder, der bereits
in Abessinische Chronik nicht ganz funktionierte, nämlich
der Schauplatzwechsel ins Ausland. |
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Aber von vorne und der Reihe nach: Der Ugander Bat Katanga kehrt
nach seinen Studienjahren in Cambridge nach Hause zurück
und erhält im Energie- und Verkehrsministerium des Militärdiktators
Idi Amin eine überaus verantwortungsvolle Stellung. Von seinem
Vorgesetzten, dem General Bazooka, wird sogleich die attraktive
Geheimagentin Victoria auf Bat angesetzt, die sich jedoch dummerweise
in den Heimkehrer verliebt und mit einem Kind statt mit diskreten
Informationen aus dessen Bett wiederkehrt. |
| Bats
Herz hingegen schlägt bei der jungen Babit höher, was
ihr die wütende Eifersucht Victorias einbringen und später
das Leben kosten wird. Bis dahin rollt Isegawa - fesselnd wie
in einem zielstrebigen Politthriller - die Intrigen und Machenschaften
aus, mit denen sich die Generäle und Marschälle gegenseitig
bekriegen, mit denen sie um die Gunst des Generalmajors Amin feilschen
und dabei die Bevölkerung Ugandas achtlos dahinmetzeln. Mord
und Überfälle, Entführung und Erpressung, Korruption
und Raffgier, Folter und Willkür, Terror und Gegenterror
- das ganze Repertoire eines diktatorischen Regimes findet im
Roman Die Schlangengrube seinen Niederschlag. Isegawa zeigt
aber auch, wie die zahlreichen Palastrevolten zur Irritation und
Handlungsunfähigkeit im politischen Zentrum führen und
dadurch den Apparat der Macht lähmen. Zum Schluss stürzt
erst General Bazooka, dann die komplette Junta Amins, und ganz
zuletzt zählt mit einem Mal Bat Katanga zu den wenigen Siegern
- einfach, weil er überlebte. Der letzte Satz ist der einzige
witzige Satz dieses Romans, der einem sonst das Lachen vergehen
lässt und das Staunen über so viel Stumpfsinn lehrt.
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| Wie
aus der Vogelflugperspektive blickt der Leser auf das Tollhaus
Uganda, auf eine Schlachtfabrik, die Isegawa in seinem ersten
Roman Abessinische
Chronik als Abgrund
bezeichnete und die er nun als Schlangengrube sieht. Man riecht
das reichlich fließende Blut und das verfaulende Menschenfleisch,
man hört die Schreie vor Schmerzen und vor Angst, man imaginiert
die entsetzten Gesichter, den rüden Tonfall harscher Befehle,
vernimmt das Knacken der Knochen in den Kerkern ebenso wie das
Klirren der Sektgläser auf den hohen Empfängen und das
Lachen und Tuscheln in den Separees der Hotels. |
| Wie
in Isegawas Abessinische Chronik besticht auch Die Schlangengrube
durch die betörende Üppigkeit, die entfesselte Sinnlichkeit
und die verlockende Visualität einer überbordenden Sprache.
Ihr Bilderreichtum zaubert eine traumhafte Landschaftskulisse
vor die Augen, malt anschaulich die Insellandschaft im Victoriasee
aus und lässt die Hochgebirgsketten des afrikanischen Grabens
bis in die Wolken ragen. Diese Sprache entschädigt zudem
für den gelegentlichen Wildwuchs der Handlung - ein Ausflug
von Bat und Babit nach London ist völlig verzichtbar, und
der Abgang der Geheimagentin Victoria wird im furiosen Finale
ein bisschen hastig betrieben - und für eine gewisse Einfallslosigkeit
bei der Einführung neuer Figuren, die immer und immer wieder
mit einer sofortigen Rückblende Gestalt erhalten. |
| Der
ehemalige Geschichtslehrer Isegawa, der seit 1990 in den Niederlanden
lebt, ist also mit seinem zweiten Roman bei seinem Thema, dem
Uganda der siebziger Jahre, geblieben. Die Innensicht, die Isegawa
einnimmt, um aus dem Mittelpunkt der Macht selbst heraus zu schreiben,
ist dabei nicht neu. Die Schlangengrube reiht sich in eine
illustre Kette von Romanen, die den modernen Diktaturen Afrikas
gewidmet sind. Im Gegensatz zu den Werken des Somaliers Nuruddin
Farah schreibt Isegawa weniger programmatisch, im Vergleich
zur Senegalesin Aminata Sow Fall verzichtet er auf eine psychologische
Analyse. Die Schlangengrube ist nicht vom Bemühen
um Aufklärung, um Verständnis oder um Betroffenheit
geprägt. Isegawa steht Ahmadou
Kourouma aus der Elfenbeinküste
am nächsten, aber nicht, weil Isegawa dessen Frage nach der
Bedeutung der Magie im Entscheidungsfindungsprozess afrikanischer
Politiker aufgreift, sondern weil beider Prosa leichten Schrittes,
gleichsam en passant, sowohl Information und Aufklärung als
auch Abschreckung und Abscheu mit sich führt, und Literatur
nicht als Mittel zum politischen Kampf begreift, sondern als Kunst
des Erzählens, des Schaffens von Spannung, als Konzentration
weniger von Gedanken als von Energie. |
| Moses
Isegawa: Die Schlangengrube. Karl Blessing, 318 Seiten,
21,90 Euro. |
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(Originaltitel:
Slangenkuil)
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Die
Rezension wurde im Jahr 2002 verfasst, für die Marabout-Seite
übernommen 12/2003
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