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v.
VÈRONIQUE TADJO
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Reine
Pokou
(in frz. Original)
- Grand Prix Littéraire
d’Afrique Noire 2005 -

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Das Ende
der Gleichgültigkeit
Véronique
Tadjo über den Völkermord in Ruanda
Von
Manfred Loimeier (©)
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| Es
gibt Ereignisse in der Gegenwart, die wegen ihrer historischen
Sonderstellung einer literarischen Gestaltung geradezu entgegenharren.
Die deutsche Wiedervereinigung gehört dazu, das Ende der
offiziellen Apartheid in der Republik Südafrika, das Bürgerkriegs-Karussell
in den Staaten des westlichen Afrika und ebenso der Völkermord
1994 in Ruanda. |
| Rund
eine Million Tote und etwas mehr als eine Million Flüchtlinge
in dem zentralafrikanischen Land - daran kommt kein afrikanischer
Schriftsteller vorbei. Meint man. Aber mit Ausnahme des nigerianischen
Literaturnobelpreisträgers Wole Soyinka zeigten afrikanische Intellektuelle
eine überraschende Zurückhaltung, was den Genozid im Herzen Afrikas
vor mittlerweile sieben Jahren angeht. Ruanda blieb zwar ein Thema
für franko-belgische Journalisten, aber kaum ein afrikanischer
Autor nahm sich bisher dessen an. |
| Diese
Vernachlässigung hat nun ein Ende. Mit dem Buch Der Schatten
Gottes legt die 46-jährige Schriftstellerin und Illustratorin
Véronique Tadjo aus der Elfenbeinküste einen literarischen Reisebericht
vor, der auch den Schwierigkeiten Rechnung trägt, ein Grauen dieses
Ausmaßes als Gegenstand der Belletristik fassbar zu machen. Kann
man über diesen Völkermord schreiben, ohne ihn, der offenbar die
schlimmsten Schreckensbilder der menschlichen Phantasie zum Vorbild
nahm, zu verharmlosen? Kann man dieses haltlose Gemetzel widerspiegeln,
ohne die Leser im entsetzlichen Anblick dieses Höllengemäldes
zu lähmen oder sie, schlimmer noch, gegenüber dieser entfesselten
Gewalt abzustumpfen? Tadjos Der Schatten Gottes zeigt:
Man kann. |
| Tadjo,
die seit drei Jahren in London lebende promovierte und diplomierte
Literatur- und Agrarwissenschaftlerin, wählte die offene Form
eines literarischen Reiseberichts und wechselte zwischen drei
Linien, denen ihr Text folgt. Zum einen objektiv verbürgte Fakten,
zum anderen die individuellen Berichte der Opfer und Täter, und
schließlich Tadjos subjektive Assoziationen. Der Schatten Gottes
ist also weder Dokumentation noch Fiktion, sondern ein halbfiktionaler
Tatsachenbericht mit persönlicher Färbung. |
| Tadjo
zitiert Untersuchungsberichte, sie führt Gespräche mit betroffenen
Ruandern (welcher Ruander wäre das nicht?), und sie beschreibt
ihre eigenen Schock-Erlebnisse und Irritationen. Zum Beispiel
ihr Erstaunen über das normale Erscheinungsbild (für afrikanische
Verhältnisse) der ruandischen Hauptstadt Kigali und über die ruhige
Atmosphäre, die anscheinend ausgeglichene, später als gedämpft
erkennbare Stimmung in den Boulevards der Hauptstadt, in denen
Straßenverkäufer Erdnüsse und Früchte verkaufen, wie sonst in
afrikanischen Städten auch. Auf den ersten Blick kein Zeichen
von militärischen Verwüstungen, gerade so, als gebe es keinerlei
Nachwirkungen des Bürgerkriegs. |
| Die
Spuren des Völkermords, signalisiert Tadjo damit, haben sich in
die Seelen der Ruander gegraben, und in Gesprächen mit gesuchten
Zufallsbekanntschaften erhält die Autorin einen Überblick über
die Bandbreite der damaligen Grausamkeiten - keine anonymisierten
Fälle, sondern persönliche Schicksale. Da ist die Frau, die vergewaltigt
wurde wie so viele andere Frauen; der deutsche Mann, der ohne
seine ruandische Ehefrau kurz in Heimaturlaub fuhr und sie anschließend
zwar lebend, aber vollkommen verstört wiedersah; der mordende
Soldat, der nun in einer Gedenkstätte die Knochen und Schädel
seiner Opfer bewacht; die junge Frau aus dem Kongo, die wegen
ihrer schlanken, großen Figur und wegen ihrer schmalen Nase für
eine Tutsi gehalten und durch die Straßen gejagt wurde; die Mutter,
vor deren Augen ihre Kinder in den Tod geprügelt wurden; die Witwe,
die just den Mörder ihrer Familie heiratete. Die menschlichen
Dramen, verdeutlicht Tadjo, vollziehen sich in Ruanda heute womöglich
nicht minder brutal, und auch die Zukunft des Landes ist vorerst
nicht ohne das Trauma des Völkermords vorstellbar. |
| Tadjo,
die bereits drei Romane, ein Dutzend Kinderbücher und zwei Gedichtbände
veröffentlichte, hat Der Schatten Gottes in einem verblüffend
melodisch-poetischen Rhythmus verfasst, so dass sogar die Stimmen
der Toten gelassen aus dem Jenseits herüberzuhallen scheinen.
Beides, die nüchtern beobachtende, nicht urteilende Perspektive
der Autorin und ihr bedachter, versöhnlicher Tonfall schaffen
eine angenehme Distanz, die das Geschehen zwar vor Augen führt,
aber nicht nach einem Richter verlangt. Und auch deshalb berührt
die Lektüre dieses Buches so sehr, weil schlaglichtartig die Gesichter
von Menschen erkennbar werden, weil das Unvorstellbare am Beispiel
von "echten" Personen in einer greifbaren, nachzuempfindenen Dimension
konkretisiert wird. |
| Der
Schatten Gottes entstand in Folge eines Projekts, das im französischen
Lille von den Verantwortlichen des Festivals Fest'Afrique bereits
1998 initiiert worden war. Das Schweigen der afrikanischen Autoren
angesichts der Massaker in Ruanda veranlasste die Organisatoren
damals, zehn Schriftsteller aus Afrika nach Ruanda einzuladen
und unter dem Motto "Ruanda: Schreiben gegen das Vergessen" zum
Verfassen eines nicht-journalistischen Textes zu bewegen. |
| Von
diesen zehn Autoren haben bereits acht ihre Werke vorgestellt
- in Lille und Paris und auch in Kigali. Ihre Namen: Boubacar
Boris Diop (Senegal),
Nocky Djedanoum (Tschad), Monique
Ilboudo (Burkina
Faso), Koulsy Lamko
(Tschad), Tierno
Monénembo (Guinea),
Véronique Tadjo (Elfenbeinküste),
Jean-Marie Vianney Rurangwa (Ruanda),
Abdourahman
A. Waberi (Dschibuti). Der einzige anglophone Teilnehmer
des Projekts, der kenianische Autor Meja Mwangi,
hat das baldige Erscheinen seines
Romans Poor man's Hell* angekündigt,
und auf Benjamin Sehenes Beitrag wartet man ebenfalls noch.
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| Nicht
alle dieser Autoren-Gruppe sind in Deutschland unbekannt. Von
Mwangi liegt schon ein halbes Dutzend Romane in deutscher Übersetzung
vor, und Monénembo ist mit zwei Büchern hier zu Lande vertreten.
So könnte, was zu wünschen ist, noch der eine oder der andere
Titel neben Tadjos Der Schatten Gottes den Weg nach Deutschland
finden. |
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Véronique
Tadjo: Der Schatten Gottes. Übersetzt von Sigrid Groß.
Pete Hammer Verlag, Wuppertal 2001, 140 Seiten, EUR 12,90.
(Originaltitel:
L'Ombre d'Imana)
*
Inzwischen - 10/2009 - ist das Buch unter dem Titel The
Big Chiefs (identischer Titel auch der dt. Ausgabe!)erschienen!
Die Rezension wurde im Jahr 2001 verfasst, für die Marabout-Seite
übernommen 12/2003
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