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Kuhdung,
Kirchenmänner und Kosmeen oder
Die Verfehlungen der Mütter
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Beginnt ein Roman mit einem
Satz wie "Alles entspringt nur den Verfehlungen unserer Mütter",
könnte den Leser die Angst befallen, es handele sich um
Zeigefinger-Literatur, um ein anklagendes Buch oder gar um eine
Abrechnung, in welcher der kollektive, der Wir-Erzähler
keine wirkliche Handlung erzählt, sich vielmehr in moralisierenden
Theorien verliert. Ganz im Gegenteil, Die Madonna von Excelsior
ist ein farbenfroher Roman, der vor Frische und Lebendigkeit,
vor Rache- und anderen Gelüsten nur so strotzt. Noch gemächlich,
jedoch bunt gibt er sich zu Beginn der meisten Kapitel, wo von
einem "dürre(n) Braun des Qokwagrases" die Rede ist, von
einem "sienafarbenen Weg", von rotem Blut, "das fließt
aus der grünen Tür" und immer wieder von - meist braunen
und vollbusigen - Madonnen. Madonnen, die den Landarbeiterinnen
und Bediensteten der Umgegend die Gelegenheit bieten, gegen
gutes Entgelt Modell zu sitzen, sind neben der Flora das Lieblingsmotiv
des Malers, dem der 1948 in der Eastern Cape-Provinz geborene
Zakes Mda mit seinen zweiten Roman ein Denkmal setzt, indem
er in seinem Text implizit auf die konservierende Funktion der
Gemälde hinweist. Der Leser erhält die Gelegenheit,
das Entstehen einer Landschaft, einer Szene, das quasi noch
frische Bild zu betrachten, bevor sich dieses in die Gedächtnisgalerie
einreiht. Noch davor steht jedoch der Kampf der Ablösung
der Figuren von ihrer Künstlichkeit, dargestellt in einer
Umkehrung, in Popis Wunsch, "vom Rücken ihrer Mutter (zu)
springen, in die Leinwand (zu) steigen und sich zu den komisch
verzerrten Menschen bei ihrer täglichen Fron (zu) gesellen."
Als erahnte die Romanfigur etwas vom Wesen ihrer Herkunft.
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| Bekannt
wurde Zakes Mda in
Südafrika
in erster Linie als Dramatiker.
Er verfasste über dreißig Theaterstücke und schon
1990 wurden The Plays of Zakes Mda in alle elf offiziellen
Sprachen seiner Heimat übersetzt. Doch in einem Interview
sagt Zakes Mda, Ziel seiner Dramen sei es nicht, politische Parolen
hinauszuposaunen, sondern Geschichten zu erzählen und in
einem anderen Interview äußert er: "Meine Romane sind
immer mit realem Leben angereichert.". Er habe mit seinen Töchtern
den katholischen Priester und Maler Frans Claerhout aufgesucht,
dessen Blumenthematik - Sonnenblumen und Kosmeen - sich ständig
wiederhole. Auf Reisen in der Provinz Free State habe er sich
gefühlt, als geriete er geradezu in die Bilder des Malers.
Da entwickelte er die Vorstellung, deren Subjekte in einer Geschichte
lebendig werden zu lassen. |
| Die
Erzählung beginnt mit Nikis Versuch, sich als Modell zu verdingen.
Doch Trinity, der Maler, Priester und Künstler, malt gegenwärtig
keine Madonnen, aber er mag das Kind auf Nikis Rücken. Popi, inzwischen
fünfundzwanzig Jahre alt, erinnert sich an das fünf-jährige Mädchen,
mit den blonden glatten Haaren und der hellen Haut. Mutter und
Tochter bilden zusammen mit Popis Bruder jenes Trio, um das herum
die Handlung skizziert wird; zunächst sind "die Striche noch einfach
und naiv", doch lebendig in den Farben des Gedächtnisses. Schon
in dieser ersten Szene erscheinen - sieht man einmal von der Rolle
ab, die Popis Bruder spielt - die wichtigsten psychologischen
Widersprüche im Roman, die für die politischen des Landes stehen.
Einer drückt sich in Nikis essentieller Angst aus, die sich
später auf ihre Tochter überträgt, ob jemand - in diesem Fall
der weiße Priestermaler - vielleicht an den Eigenschaften ihres
Kindes dessen Herkunft erraten könnte. |
| Popi
gehört zu der Gruppe der Neunzehn von Excelsior, jenem Städtchen,
das durch den Skandal sexueller Exzesse, in deren Folge Kinder
weißer Väter, unter denen sich auch ein Geistlicher
befand und schwarzer Mütter, als "Farbige" geboren wurden,
traurige Berühmtheit erlangte. Die Motivation der schwarzen
Frauen sich bei den vom Autor außerordentlich plastisch
beschriebenen "Scheunentollereien" zu beteiligen, bewegen sich
irgendwo im diffusen Zwischenbereich von Lust und Liebesdienst
aus ökonomischer Not sowie Nötigung. Nikis Beweggründe
sind jedoch anderer Natur. Zwar ist sie mit ihrem weißen
Liebespartner ebenfalls in der Scheune, doch nehmen die beiden
am scheinbar fröhlichen "Bäumchen wechsle dich!"-Spiel
nicht teil. Eine Tatsache, die sie jedoch nicht davor bewahrt,
wie die anderen angeklagt zu werden, als die ganze Angelegenheit
Jahre später vor Gericht gezerrt wird. Verhandelt werden
dabei allerdings nicht Fragen wie mögliche Vergewaltigungen
oder "Unzucht mit abhängig Beschäftigten", sondern die
Schande der "Rassenvermischung". Noch herrscht im Lande das System
der Apartheid, der strikten Rassentrennung. Obschon sich für
einige der angeklagten Weißen dramatische Folgen aus der
offenbar gewordenen Schmach ergeben, gerät das ganze Unternehmen
zur - viel beachteten - Farce. Von einigen Frauen werden gar Kompensationszahlungen
gefordert, denn: "Welche weiße Frau wird uns denn nach diesem
Fall noch anstellen ... Die werden glauben, wir sind hinter ihren
Männern her.". Für diesen tragikomischen Roman eine
typische Szene, bei der der Betrachter - ob Zuschauer im Gerichtssaal
oder Leser des Buches - nicht weiß, ob er lachen oder doch
lieber weinen soll. |
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Die "Scheunentollereien" und die daraus resultierende Gerichtsverhandlung
sind ein bedeutender Teil des Romans, bilden gleichwohl gemeinsam
nur den Aufhänger für eine Vielzahl eingewobener Geschichten,
die den Lebensweg der drei Hauptfiguren holprig pflastern und
die Ängste und Freuden ihrer Freunde und Widersacher vielgestaltig
beschreiben. Eines der schönsten Bilder im Buch ist das wiederkehrende
Motiv des Kuhdungsammelns. Die Mädchen des Ortes machen sich mit
einem leeren Sisalsack auf, wandern entlang überall blühender
Kosmeen und spähen nach Fladen, die trocken genug sind, um verheizt
werden zu können und singen dabei ihre Lieder. Doch gleich der
erste so beschriebene Ausflug endet für Niki in einer Katastrophe.
Johannes Smits, des weißen Metzgers Begehrlichkeiten gelten nicht
dem Kuhdung, sondern der Sammlerin. Doch weder diese tragische
Erfahrung noch die Bienenzucht halten Niki von erneutem Kuhdungsammeln
ab, während ihre Tochter Popi ihre Lieder weniger auf die Felder
als in die Kirchen und auf Begräbnisse trägt, wo sie wegen ihre
süßen Stimme äußerst willkommen ist, so dass sie schließlich kein
Wochenende vergehen lässt, an dem sie nicht ihrer selbst gewählten
und genüsslich verfolgten Pflicht nachkommt. |
| Niki
und ihre Tochter stehen noch für die bekannte "Schwarz-Weiß"-Thematik,
mit der Figur von Nikis Sohn Viliki, bringt Zakes Mda jedoch eine
neue Perspektive in seinen Roman ein. Vilikis Vater Pule, ein
schwarzer Arbeiter, der im Bergwerk seine Gesundheit ruiniert,
ständig abwesend ist und nur zum Sterben zur Familie zurückkehrt,
hält Viliki vom Komplex seiner Mutter frei. Nach Herzenslust kann
er sich in den Befreiungskampf der Schwarzen gegen die Weißen
werfen, wobei ihm seine Schwester im realpolitischen Wegteil so
lange folgt, bis die bei ihm bald erkennbar werdenden Spuren von
Korruption sich verfestigen. Doch bevor es soweit ist, bevor Viliki
gar zum Bürgermeister seines Städtchens gewählt wird, steht der
Verrat eines - schwarzen - Jugendfreundes, der eine Folter nach
sich zieht. Ein Textabschnitt, auf den der Leser durch die bereits
angesprochene allgemein vorherrschende, lebendige Leichtigkeit,
nicht aber Oberflächlichkeit ausstrahlende Schreibweise, nicht
vorbereitet ist. Vielleicht ist es der Schock, der ihm den Gedanken
eingibt, der Autor hätte sich und ihm diese Szene - wie auch die
am Rande behandelte Aids-Problematik - ersparen sollen. Doch abgesehen
von der Tatsache, dass in einem mehrere Jahrzehnte umspannenden
und in die Gegenwart hinein ragenden südafrikanischen Roman, dessen
Anspruch, sich der sozialen und politischen Gegebenheiten des
Landes anzunehmen, weder Aids noch der Kampf innerhalb der Fraktionen
der schwarzen Bevölkerung fehlen kann, bildet eine - glücklicherweise
kurze - Folterszene doch nur die Kehrseite der Medaille, sozusagen
die Ergänzung jener leichten Erzählweise, die sich als herzerfrischende
Leselust auf den Leser überträgt. |
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Zakes
Mda begnügt sich nicht mit einer deftigen, allgemein beliebten
Beschreibung einer wahren Begebenheit. Trotz oder gerade wegen
der Wiederholung des Anfangssatzes am Schluss des Romans Die
Madonna von Excelsior wird dem Leser zweierlei bewusst:
Die heitere und lustbetonte Seite des Lebens ist mit Leid und
Schmerz zu bezahlen und: Die tragenden Figuren der Handlung
haben eine Entwicklung erfahren, ihre Wut und ihre scheinbar
nicht endenden Rachegefühle, die für die Kämpfe der verschiedenen
südafrikanischen Bevölkerungsteile stehen, haben sie abgelegt:
"Alles entspringt nur den Verfehlungen unserer Mütter".
Zakes
Mda, Die Madonna von Excelsior, Unionsverlag, Zürich 2005.
(Originaltitel: The Madonna of Excelsior)
12/2005
© by Janko Kozmus
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