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Mr.
Yodd ist nicht zu fassen
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Der südafrikanische Autor Zakes Mda wurde hierzulande mit seinem
2005 erschienenen Roman Die Madonna von
Excelsior bekannt. Der Handlung lag eine wahre Begebenheit
zugrunde.
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wahrem - meist felsigem - Untergrund ersteht auch der neue Roman
des Autors mit dem Titel Der Walrufer. In der warmen Bucht
des südafrikanischen Städtchens Hermanus in der Provinz Western
Cape überwintern alljährlich Glattwale und locken Scharen von
Touristen herbei. Ein real existierender Walrufer ködert mit seinem
Horn weniger die Wale als die Touristen, um auf jene hinzuweisen.
Das faszinierende Naturschauspiel droht zur Geschäftemacherei
zu verkommen. Damit will der Protagonist des Buches, ein Walrufer
anderer Art, nichts zu tun haben. Er zeigt sich prinzipienfest
und robust, mit hoher Statur repräsentiert er trotz fortgeschrittenen
Alters und Glatze den anpackenden, sehr im Diesseits verhafteten
Typ. Gleichzeitig scheint er in seinem nahezu anspruchslosen Alltag
und mit seinem Tanz, von dem noch zu reden sein wird, die Brücke
zu einer anderen Ebene zu schlagen. Mit dem Seetanghornbläser
verlässt der Leser das reale Hermanus und begegnet in der skurrilen,
von Zakes Mda mit derben Späßen und feiner Ironie gesprenkelten
Welt den Gelangweilten Zwillingen, Saluni, der Frau mit den roten
Stöckelschuhen und Sarusha, dem Glattwalweibchen. Aus einer Grotte
nahe der Wasserlinie schallt es herüber: "Lunga Tubu nicht zu
vergessen!". |
| Wie
könnte man den ums Überleben kämpfenden, aber verträumten halbwüchsigen
Ariensänger vergessen, den der Autor nach eigenen Angaben aus
dem realen Leben samt Namen in seinen Roman verpflanzt hat! Wichtiger
aber ist der Rufer aus der Grotte nahe bei den Klippen, ein Mr.
Yodd. Von dem weiß der Leser von Anfang bis Ende nicht mit Sicherheit,
ist er der Phantasie des Walrufers entfleucht, die auch auf Saluni
überspringt oder kniet die als Beichtvater ausgewiesene Figur,
umhuscht von Felsenhasen, tatsächlich hinter Felsgestein und nimmt
den Protagonisten, selbstverständlich einzeln, das Sündenbekenntnis
ab. Gelegentlich nimmt Mr. Yodd - warum eigentlich "Mr." und nicht
etwa "Vater" etc. - auch einige Opfergaben entgegen, die ihm von
seinen ministrierenden Hasen überbracht werden, so sie sie nicht
zuvor schon selbst verzehren. Deutlich ist, dass ihm oder eigentlich
seiner Stimme - auch die vernimmt der Leser nur als Echo der Bekennenden
- eine äußerst wichtige Rolle innerhalb der Romanstruktur zufällt,
eine Art Anschubfunktion zunächst für den Walrufer, später für
die Sehnsucht der Liebenden nach Vereinigung. Wissen der Walrufer
oder Saluni nicht mehr so recht weiter, kommen sie zu ihm. Letztere
beichtet denn auch mal: "He, Mr. Yodd. Es stimmt. Wir denken nicht
an Sie, wenn unser Schiff auf ruhiger See segelt. Das ist doch
der Grund, warum wir uns überhaupt Gottheiten schaffen, Mr. Yodd.
Damit wir uns in Zeiten der Unruhe an sie erinnern." Solcherart
sind die Beichten der Protagonisten, in Monologen erzählen sie
Mr. Yodd von ihren Nöten. Gleich zu Beginn heult sich der Walrufer
bei ihm aus, weil seine geliebte Sarusha, das Glattwalweibchen,
längst überfällig ist, was ihm den Hohn des sich in diesem Moment
als liebevoll spöttelnden Intimus gebärdenden Mr. Yodd einträgt.
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| Während
er noch sehnsüchtigst auf seine Sarusha wartet, bemerkt der Walrufer
Salunis suchende Blicke. Obwohl er diese weniger als Anerkennung
denn als Belästigung empfindet, richtet er irgendwann in aller
Schüchternheit das Wort an die Schöne, die ortsbekannte Säuferin.
Bevor sich zwischen den beiden eine Beziehung entfaltet, die diesen
Namen verdient, zieht Saluni schon beim Walrufer in dessen Strandhütte
ein. |
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Anfangs rühmt Saluni seine Befangenheit, bald aber wird der Walrufer
mit ihrem Begehr konfrontiert, er möge sich wie ein Mann verhalten.
Über lange Zeit scheint er nahezu geschlechtslos, gleichzeitig
weisen seine Strandtänze vor dem dann doch irgendwann eintreffenden
Glattwalweibchen durchaus erotische, jedenfalls aber ekstatische
Züge auf. Szenen, die in ihrer schweißtreibenden Intensität zu
den schönsten des Buches zählen, dessen Ästhetik sich ansonsten
weniger aus deskriptiver Raffinesse speist als aus Auslassungen.
Wie die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten vieles unausgesprochen
lässt, wofür schon der wortkarge Charakter des Walrufers sorgt,
so ist es der Verzicht auf Repliken, der den Leser mit dem Walrufer
schmunzeln lässt, was aber keineswegs an die Grenze von Verrat
heranreicht seitens des Erzählers seiner Figur gegenüber. Allerdings
würde Mr. Yodd, betrachtete man ihn von einer - durchaus denkbaren
- therapeutischen Seite, seinem vormaligen Dauerkunden sicher
anraten, er solle sein Mädchen nicht so auflaufen lassen. |
| Das
Mädchen mit den herausgebrochenen Vorderzähnen à la mode von vorgestern
versucht von Beginn an das Tempo der Annäherung zu forcieren.
Entscheidende Fortschritte in diesem nur für den Leser amüsanten
Spiel gelingen erst, nachdem sich Saluni von Mr. Yodd Rat erbittet.
Natürlich bestätigt ihr dieser, ganz Medizinmann, der um die Grenzen
seiner Macht weiß, die Richtigkeit ihrer neuen Marschroute. Nicht
Dagegenhalten ist fürderhin die Devise, das konkurrierende Weibchen
darf nicht verteufelt, sondern muss umschmeichelt werden. Ein
schwieriges Unterfangen, sitzt doch die innere Ablehnung dem Säugetierweibchen
gegenüber sehr tief. Leichter fällt es ihr, den Walrufer selbst
zu umgirren, sie nennt ihn ihren "Blauwal", nachdem er ihr einen
kleinen Exkurs in puncto vielfältige Welt der Wale zuteil werden
lässt - in einem Rückfall hat sie Sarusha mal wieder als Fisch
diffamiert. |
| Wenn
auch das transparente Dasein Mr. Yodds kaum zu fassen ist, muss
man doch eine von ihm abstrahlende schlichtende oder ordnende
Kraft konstatieren, eine Kraft, die den gänzlich unbeaufsichtigten
Gelangweiten Zwillingen gut zu Gesicht stünde. Obwohl sie schöne
Bilder abgeben, diese verschmutzten Gesichtchen und ebensolchen
Kleidchen. Saluni bemüht sich nach Kräften bei ihren zeitweilig
nur noch sporadisch auftretenden Besuchen um pädagogische Lenkung,
wenn auch keinesfalls, dazu ist sie viel zu sehr noch selbst Kind,
auf Kosten des spielerischen Elements. Ein Verzicht, der den gröber
werdenden Späßen der Mädchen, dessen geistige Bildung nicht mit
ihrer stimmlichen Schritt halten konnte, Tür und Tor brutal weit
öffnet. |
| Die
engelsgleichen Zwillingsstimmen haben es nicht nur Saluni angetan,
auch der Radiomann, der anlässlich eines Festes im Ort verweilt,
hat davon gehört und möchte sie gerne in Testaufnahmen festhalten.
Saluni, die sich schon, zunächst an der Seite der Mädchen, bald
aber auf eigenen Füßen stehend, als gefeierte Diva träumt, versucht
die abergläubische Mutter von der lukrativen Seite eines Gesangsunternehmens
zu überzeugen. |
| Dieser
Teil der Geschichte führt den Leser wieder näher an das reale
Südafrika,
dessen jüngste Geschichte nur noch in Form einer "Ehrentafel der
Republik Südafrika (1973-1979)" auftaucht, worauf vier Namen verzeichnet
sind. "Niemand wagt auch nur", stellt der Erzähler nüchtern fest,
"den Namen dieses Krieges zu flüstern; sie starben an der Landesgrenze,
bei der Verteidigung der Apartheid". Das ist die Welt, die der
Leser erwartet, nimmt er ein Buch aus Südafrika zur Hand. Doch
neben dieser politischen oder sozialen Ebene existiert eine andere.
Die Ritualen gleichenden Tänze, der Walrufer selbst unterstreicht
diesen Stellenwert, indem er sich zu dieser Gelegenheit in einen
Frack kleidet, leiten ins Spirituelle über. In dieses Feld passt
noch am ehesten Mr. Yodd, dessen Name - vielleicht ein halb ironisches,
halb freundschaftliches Zwinkern in die Richtung einer nicht unumstrittenen
Disziplin - an die sog. "Yod-Figur" erinnert, die in der Astrologie
wohlbekannt ist oder auch die vom Autor eingestreute Überlieferung
von den "Traumpfaden". Der Autor selbst verwendet diesen Ausdruck
nicht, er spricht von den Wanderschaften der Khoikhoi und der
San, der nomadisierenden indigenen Bevölkerung des südlichen Afrika,
dessen Gegenwart vor allen von ökonomischen Nöten geprägt ist.
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Als Dank für die Betreuung der
Gelangweilten Zwillinge erhält Saluni von deren Eltern gelegentlich
als Mitbringsel eine Flasche Wein. Irgendwann aber haben sich
die Eltern als Teil der Arbeiterschaft in den Weinbergen mit ihrer
Forderung durchgesetzt, nicht mehr mit Naturalien, sondern mit
Geld entlohnt zu werden. Eindeutig ein Fortschritt, wenn auch
nicht für Saluni, die schon mal in ihrer Not auf die Methylalkoholvorräte
zurückgreift, die ihr "Blauwal" für das Reinigen seines
Fracks benötigt. |
| Plötzlich,
die Sonne verfinstert sich, ist nichts mehr wie es mal war. Saluni,
die sich schon seit einiger Zeit höchst eigenartig verhält, möchte
auf Wanderschaft gehen. Der Walrufer, der sie zurückhalten will,
bringt Mr. Yodd ins Spiel. Man könne doch Hermanus nicht verlassen,
ohne sich von dem zu verabschieden. Doch Mr. Yodds Kraft ist bereits
schwächer geworden, leicht widersteht Saluni dieser Lockung. Auch
der Walrufer selbst hat sich kaum noch bei Mr. Yodd eingefunden.
Es scheint, als wäre seine Macht mit ihren verbindenden Eigenschaften
mit nachlassender Aufmerksamkeit seitens derer, die seinen Rat
schätzten, geschwunden. |
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Zurück
von der Wanderschaft überschlagen sich die Ereignisse, ein Tempo,
auf das der Leser durch die bis hierher eher gemächliche, vorzugsweise
in lakonischem Ton erzählte Gangart nicht vorbereitet ist. Nach
dem furiosen Finale spricht der Walrufer, der wahre "Büßer von
Hermanus" noch einmal bei seinem Tröster vor. Er ruft: "He,
Mr. Yodd! Mr. Yodd? Mr. Yodd?"
Zakes
Mda, Der Walrufer, Unionsverlag, Zürich 2006.
(Originaltitel: The Whale Caller)
08/2006
© by Janko Kozmus
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