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SALIM ALAFENISCH
( * 1948)
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SALIM ALAFENISCH (*1948)

Kritischer Blick auf das literarische Schaffen von Salim Alafenisch

Spätestens mit der 2007 erscheinenden autobiografischen Erzählung Die Feuerprobe stellt der deutsch schreibende palästinensische Schriftsteller seinen Märchen und märchenhaften Geschichten ein Werk zur Seite, das eindeutig mit der geo- und sozialpolitischen Wirklichkeit der Region verbunden ist, die der Autor auch in diesem Buch zum Handlungshintergund erhebt. Es ist dies die von palästinensischen Beduinen bevölkerte, zu Israel gehörende Negev-Wüste, die Heimat von Salim Alafenisch.

DAS BESONDERE BUCH:
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Die Feuerprobe
Zur Inhaltsangabe

1948, ein halbes Jahr nach Gründung Israels, wird der Sohn eines Scheichs, dessen Kamele er später hüten wird, in dieser Region geboren. Erst im Alter von 14 Jahren wird er alphabetisiert. Später besucht er das Gymnasium in Nazareth, wo er im Jahre 1971 sein Abitur ablegt. Bald darauf verlässt Salim Alafenisch seine Heimat, um nach einem Jahr am Londoner Princeton College nach Heidelberg überzusiedeln und an der dortigen Universität Soziologie, Ethnologie und Psychologie zu studieren. Während und auch nach dem Studium setzt sich Alafenisch wissenschaftlich mit der Kultur seines Volkes auseinander. So entsteht u.a. 1982 eine Abhandlung zum Stellenwert der Feuerprobe[1].

Ende der 80er Jahre erscheint mit Der Weihrauchhändler Alafenischs erste Erzählungssammlung, geschrieben in Deutsch! In Abständen von ein bis drei Jahren erscheinen fünf weitere Bände, die eng mit der Tradition der beduinischen Oralliteratur verknüpft sind. Märchenhafte Geschichten, die mündlich von Generation zu Generation überliefert wurden. Der Autor selbst erlernte die Kunst des Geschichtenerzählens von seiner Mutter[2].

Der Züricher Unionsverlag, Herausgeber sämtlicher Bände des Autors, verzichtet auf eine Gattungsbezeichnung. Eine Ausnahme stellt die besagte Erstveröffentlichung dar. Die in dem Band Der Weihrauchhändler, der zunächst bei einem kleinen Berliner Verlag erschien, versammelten Geschichten werden als "Märchen und Geschichten aus dem Zeltlager der Beduinen" beschrieben.

Vielleicht trug diese, der Erwartungshaltung des okzidentalen Publikums entgegen eilende Paraphrase zur Geringschätzung innerhalb der Literaturkritik bei, wiewohl sie beim breiten Publikum ihre Wirkung nicht verfehlte. Der Literaturkritiker Heinz Hug geht 1990 in einem Aufsatz über arabische Literatur[3] auf einen Literaturstreit ein. Betrachtet wird einmal die Produktion der zum Teil im Exil lebenden arabischen Schriftsteller, die "vorwiegend an sozialkritische bzw. realistische, nicht selten in der Konfrontation mit europäischer Kultur entstandene Traditionslinien" anknüpfen, aber mit ihren Übersetzungen geringe Verkaufszahlen erzielten. Hingegen verzeichneten die in Deutsch schreibenden Autoren Rafik Schami und Salim Alafenisch, die sich selbst in der Tradition arabischer Erzähl- und Märchenliteratur sehen, einen großen Publikumserfolg. Den literarischen Streit in diesem Kontext habe Hartmut Fähndrich, ein Kenner und inzwischen preisgekrönter Übersetzer arabischer Literatur entfacht. Fähndrich habe vom "Alafenisch-Syndrom" gesprochen und "ein Ungleichgewicht von literarischer Qualität und Publikumserfolg" konstatiert.

Mag auch die Literaturkritik Alafenischs, in der Tradition arabischer Oralliteratur stehenden Erzählungen wenig Achtung entgegenbringen, so entzieht sich das autobiografische Werk Die Feuertaufe m. E. schon allein deshalb einer vorschnellen Be- und Aburteilung, weil es - wie eingangs erwähnt - fest in der geo- und sozialpolitischen Wirklichkeit verankert ist. Es stellt literarisch überzeugend dar, wie das beduinische Gewohnheitsrecht der Feuertaufe trotz widrigster Bedingungen in der von politischen Gegensätzen geschüttelten Region umgesetzt wird:

Obwohl die Anschuldigung aus den Reihen eines Beduinenstamms für die Zeugenschaft an einen Mord weder mit Beweisen noch mit Indizien hinreichend untermauert ist, erklärt sich ein anderer Beduinenstamm bereit zur Feuerprobe. Salim Alafenisch berichtet in dieser autobiografischen Erzählung von einer wahren Begebenheit. Der beschuldigte Beduinenstamm war sein eigener und der stellvertretend für die Ehre des Stammes sich zur Verfügung stellende Beduine war der Sohn des Scheichs, der Bruder des Autors. Es ist eine unruhige Zeit im Süden Israels, in der Wüste Negev. Nach einem ersten Anschlag der Fatah im Jahr 1966 werden Truppen in der Nähe der Beduinen stationiert, deren Bewegungsfreihet dadurch eingeschränkt ist. Da ein kompetenter Richter für die Abnahme der Feuerprobe nur außerhalb der Grenzen zu finden ist, wird diese ausgesetzt, bis zum Jahr 1980. Die Spannung über den Ausgang des archaischen Rituals, bei dem die Zunge des Probanden dreimal über ein glühendes Stück Eisen geführt werden muss, erhöht der Autor, indem er - stellenweise detailliert - auf die Sorgen und Nöte, kurz: auf das Alltagsleben seines beduinischen Volkes innerhalb der Erzählzeit eingeht.

.

DATEN UND FAKTEN
1948
wird Salim als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren.
Erst im Alter von 14 Jahren wird er lesen und schreiben lernen und später in Nazareth aufs Gymnasium gehen.
1971
legt Salim Alafenisch in Nazareth sein Abitur ab.
1973
Nach einjährigem Aufenthalt in London am Princeton College übersiedelt Salim Alafenisch nach Heidelberg[4]. Beginn des Studiums der Soziologie, Ethnologie und Psychologie an der Universität.
1982
Bibliografische Angabe
Der Stellenwert der Feuerprobe im Gewohnheitsrecht der Beduinen des Negev, Abhandlung, in: Abhandlungen des Geographischen Instituts - Anthropogeographi - Band 33 "Nomadismus - Ein Entwicklungsproblem?"- Scholz, Janzen (Hrsg.), S. 143-158. Berlin 1982.
Absatz Ende Februar reist Salim Alafenisch nach Ägypten, um Recherchen zum beduinischen Gewohnheitsrecht der Feuerprobe zu unternehmen.[5]
1983
Im Herbst unternimmt S. A. eine erneute Reise nach Ägypten, um weitere Recherchen zum beduinischen Gewohnheitsrecht der Feuerprobe zu unternehmen.
1984-1989
Tätigkeit in der Erwachsenenbildung.

1988
Erste Buchveröffentlichung:
Bibliografische Angabe Der Weihrauchhändler. Märchen und Geschichten aus dem Zeltlager der Beduinen.[6] Berlin 1988. Neuauflage als Taschenbuch: Zürich 1991.

1989
Bibliografische Angabe Die acht Frauen des Großvaters. Zürich 1989. Neuauflage als Taschenbuch: Zürich 2004.

1990
Bibliografische Angabe Das Kamel mit dem Nasenring. Zürich 1990. Neuauflage: Zürich 1995.

1993
Bibliografische Angabe Das versteinerte Zelt. Zürich 1993. Neuauflage als Taschenbuch: Zürich 1998.
1994
Bibliografische Angabe Amira, Prinzessin der Wüste, Kinder- und Jugendbuch. Ravensburg 1994. Hörbuchfassung: Stuttgart 1995. Neuauflage als Taschenbuch: Ravensburg 2001.

1996
Bibliografische Angabe Die Nacht der Wünsche. Stuttgart 1996. Neuauflage: Zürich 2011.

1998
Bibliografische Angabe Amira. Im Brautzelt. Kinder- und Jugendbuch. Zürich 1998. Neuauflage als Taschenbuch: Zürich 2011.

2007
Bibliografische Angabe Die Feuerprobe. Zürich 2007. Taschenbuchausgabe: Zürich 2010. -
Rezension: "Die Geheimnisse der Feuerprobe sollten mich noch lange begleiten." Mit diesem Satz endet die autobiografische Erzählung Die Feuerprobe von Salim Alafenisch. Es folgt ein 14-seitiger "Nachtrag", in dem der Autor von seinen Recherchen zu dem Gewohnheitsrecht der Beduinen berichtet. Die Feuerprobe stamme ursprünglich aus dem subsaharischen Afrika, beispielsweise habe man in Kamerun Beschuldigte ein glühendes Beil aufnehmen und einige Schritte tragen lassen, um Schuld oder Unschuld zu bestimmen. Doch zurück zum vorliegenden Werk ... weiterlesen -->

Salim Alafenisch lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Heidelberg.

STIMME(N):

(noch nicht aufgenommen)

ANMERKUNGEN:

1) Salim Alafenisch: Der Stellenwert der Feuerprobe im Gewohnheitsrecht der Beduinen des Negev.

2) Vgl. Über Salim Alafenisch, in: Salim Alafenisch, Das versteinerte Zelt, Taschenbuch Zürich 2006;im unpaginierten Anhang

3) Heinz Hug, Über die deutschsprachige Rezeption von arabischer Oralliteratur. a.a.O.

4) In einem Interview erklärt Salim Alafenisch, er habe trotz der abgeschiedenen Lebensweise eines Beduinen die Geschehnisse in seinem Land mitgekriegt: ".. man hört von den Ereignissen, Verwandte sind betroffen. In meinem Land ist Krieg, 67, habe ich auch beigewohnt. Ja, vielleicht deshalb gefragt, wie fühlt man sich. Ich habe das Land verlassen, weil ich das Gefühl hatte, das Land ist für mich zu eng geworden". - Vgl. Hanselmann-Interview a.a.O.

5) Alafenisch reist zu dem selben Feuerprobenrichter, der ca. 2 Jahre zuvor die Feuerprobe an seinem Bruder Suleiman vorgenommen hatte und die er in dem erst 2007 veröffentlichten Buch Die Feuerprobe niederschreiben wird. - Vgl. Salim Alafenisch, Nachtrag, in: Die Feuerprobe. S. 126 f. Zürich 2007

6) Sein erstes belletristisches Werk widmet Salim Alafenisch seinem ältesten Bruder, der die Scheichwürde vom Vater übernommen hat: "Für meinen Bruder, Scheich Suleiman, der tief im Sand der Wüste schläft. Salim".



Quellen:
KATALOG DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK
Unionsverlag: Zusatzinformationen zum Autor Salim Alafenisch
Salim Alafenisch als Erzähler. Großvaters acht Frauen, in ZEIT Online v. 22.09.1989
Kleine Kerzen in der Dunkelheit zünden: Salim Alafenisch im Interview mit Matthias Hanselmann, Deutschlandradio, 15.5.2008

LINKS:
Der Stellenwert der Feuerprobe im Gewohnheitsrecht der Beduinen des Negev, Abhandlung von S. Alafenisch
Heinz Hug: Über die deutschsprachige Rezeption von arabischer Oralliteratur
Kleine Kerzen in der Dunkelheit zünden: Salim Alafenisch im Interview mit Matthias Hanselmann, Deutschlandradio, 15.5.2008
2012 © by Janko Kozmus
REZENSION(EN)
Archaische Suche nach Wahrheit (zu: Die Feuerprobe)
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