|
|
|
Kinder der Wüste
Trotz
eines nach westlichen Vorstellungen respektablen Erfolgs wirkt
Lalla in Marseille auf den Leser wie ein verlorener Mensch,
wie einer, der nicht vollständig ist, der eine Sehnsucht
in sich trägt, der nach einem Verlust eine Leere in sich
spürt, die eine - auch noch so einträgliche - Anerkennung
nicht auszugleichen vermag.
|
| Diese
Geschichte wurde schon häufig erzählt: Menschen, die
aus Not ihre südliche Heimat verlassen, um in Europa ihr
Glück zu versuchen. Meist ist dies ein junger Mann, der die
Stagnation und vollkommene Perspektivlosigkeit in seiner Heimat
nicht mehr erträgt und einen neuen Beginn sucht. Die Geschichte
von Lalla weist einige Unterschiede auf. Zum Einen handelt es
sich um eine Frau, die zudem einen Erfolg zu verbuchen hat, den
sie gar nicht anstrebte und zum Anderen ist ihr Aufbruch weniger
ein Neuanfang als hastige Flucht. Ihre Tante, bei der sie nach
dem Tod ihrer Mutter lebt, will sie mit einem Fremden verheiraten.
Das treibt sie fort von jenem einfachen Ort, der Cité,
dem Slum dieser marokkanischen Stadt am Rande des Meeres und der
Wüste. Dies auch der Titel - Wüste - des bereits
1980 im französischen Original und 1989 in der deutschen
Übersetzung erschienenen Romans, der nichts von seiner Magie verloren
hat, die ihm im Publikationsjahr den großen Preis der Académie
française eintrug, den hoch dotierten Prix Paul-Morand.
|
| Viele
Bücher des weitgereisten Autors sind an den Grenzen unterschiedlicher
Kulturen angesiedelt oder überschreiten diese. Das mag an
der Herkunft von Jean-Marie Le Clézio liegen, der 1940
als Sohn einer französischen Mutter und eines Vaters aus
bretonischer, später nach Mauritius
ausgewanderter Familie geboren
wurde. Auch Lalla wechselt in eine andere Kultur und lernt Das
Leben bei den Sklaven kennen. So überschreibt Le Clézio
das Kapitel von Lallas Flucht und Ankunft in Frankreich. |
| Bevor
es soweit ist, wird der Leser mit der einfachen Lebensweise am
Rande der Wüste vertraut gemacht, ein Leben, mit dem Lalla
- eins mit sich selbst - zufrieden ist. »Das Seltsame an
der Cité ist«, schreibt Le Clézio, »dass alle
hier sehr arm sind, aber niemand sich je beklagt. Die Cité
ist eine Ansammlung von Hütten aus Brettern und Blech, mit
Dächern aus Teerpappe, die mit Steinen beschwert ist.«
Lalla fühlt sich wohl hier, wirkliche Freiheit jedoch findet
sie bei ihren Streifzügen in der Wüste. Da trifft sie
auf den geheimnisvollen Es Ser und seine Geschichten und auf Hartani,
den Schäferjungen, der den Schelluh angehört, einem
Berbervolk. Er wird der erste sein, dem sie sich hingeben wird.
Und letztlich scheint es die Wüste selbst zu sein, die Lalla
- in Tagträumen - die Geschichte ihrer Vorfahren, der Tuareg
erzählt, die die Not zum großen Exodus aus dem Süden
zwingt. Gerade zu Beginn des Romans nimmt dieser Handlungsstrang
einen breiten Raum ein. |
| Die
Geschichte des Auszugs besitzt eigene Helden, große, von denen
jeder spricht, aber auch kleine wie den jugendlichen Nour, eine
Art männliches Pendant in Lallas persönlicher Geschichte.
Wie sie streift Nour umher, entfernt sich immer mehr von seiner
Familie und sucht die Nähe der großen Männer, greift
aber auch helfend ein, wo seine jugendliche Hand gebraucht wird.
Große Schönheit liegt im Wechselspiel der grandiosen historischen
Kapitel der Jahre 1909-12 mit denen der einfühlsamen Beschreibung
des Heranwachsens von Lalla Hawa, die ihren Namen ihrer Mutter
verdankt, einer Sch'rifa. Allerdings stellt sich beim ersten Übergang
beim Leser eine gewisse Ungeduld ein, bis er mit jeder Zeile mehr
begreift, dass er die Geheimnisse der Welt der Tuareg, die noch
in deren Not Bestand haben, für jene eintauscht, die Lallas
Welt umgeben. |
|
In
der westlichen Umgebung dann bangt der Leser mit dem überraschenden
Erfolg der Protagonistin als Model um ihre Identität, die
diese mit einer magischen Aura umgibt, die die Menschen um sie
herum, die Ausgestoßenen, die Zukurzgekommenen, längst
der alltäglichen Tristesse opfern mussten. Noch ist Lalla
gefestigt in sich, was sich in ihrer Art zu tanzen ausdrückt
oder im sorglosen Umgang mit dem mühelos verdienten Geld.
Noch ist sie, die ein Kind der Wüste in sich trägt,
selbst ein Kind dieser Wüste.
(Originaltitel:
»Désert«)
7/2007
© by Janko Kozmus
|
|
|
| Sie
haben dieses Buch bereits gelesen?! Dann beteiligen Sie sich bitte
mit einem Votum für dieses (oder
auch ein anderes) Buch an der BESTEN-LISTE afrikanischer und arabischer
Literatur auf der MARABOUT-SEITE ! |
|
Weitere
Rezensionen zu Werken frankophoner Autoren auf der
MARABOUT-SEITE
|
|
|
|