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Rezension: → Jean-Marie Gustave Le Clézio - Wüste

Kinder der Wüste

Trotz eines nach westlichen Vorstellungen respektablen Erfolgs wirkt Lalla in Marseille auf den Leser wie ein verlorener Mensch, wie einer, der nicht vollständig ist, der eine Sehnsucht in sich trägt, der nach einem Verlust eine Leere in sich spürt, die eine - auch noch so einträgliche - Anerkennung nicht auszugleichen vermag.

Diese Geschichte wurde schon häufig erzählt: Menschen, die aus Not ihre südliche Heimat verlassen, um in Europa ihr Glück zu versuchen. Meist ist dies ein junger Mann, der die Stagnation und vollkommene Perspektivlosigkeit in seiner Heimat nicht mehr erträgt und einen neuen Beginn sucht. Die Geschichte von Lalla weist einige Unterschiede auf. Zum Einen handelt es sich um eine Frau, die zudem einen Erfolg zu verbuchen hat, den sie gar nicht anstrebte und zum Anderen ist ihr Aufbruch weniger ein Neuanfang als hastige Flucht. Ihre Tante, bei der sie nach dem Tod ihrer Mutter lebt, will sie mit einem Fremden verheiraten. Das treibt sie fort von jenem einfachen Ort, der Cité, dem Slum dieser marokkanischen Stadt am Rande des Meeres und der Wüste. Dies auch der Titel - Wüste - des bereits 1980 im französischen Original und 1989 in der deutschen Übersetzung erschienenen Romans, der nichts von seiner Magie verloren hat, die ihm im Publikationsjahr den großen Preis der Académie franšaise eintrug, den hoch dotierten Prix Paul-Morand.

Viele Bücher des weitgereisten Autors sind an den Grenzen unterschiedlicher Kulturen angesiedelt oder überschreiten diese. Das mag an der Herkunft von Jean-Marie Le Clézio liegen, der 1940 als Sohn einer französischen Mutter und eines Vaters aus bretonischer, später nach Mauritius ausgewanderter Familie geboren wurde. Auch Lalla wechselt in eine andere Kultur und lernt Das Leben bei den Sklaven kennen. So überschreibt Le Clézio das Kapitel von Lallas Flucht und Ankunft in Frankreich.

Bevor es soweit ist, wird der Leser mit der einfachen Lebensweise am Rande der Wüste vertraut gemacht, ein Leben, mit dem Lalla - eins mit sich selbst - zufrieden ist. »Das Seltsame an der Cité ist«, schreibt Le Clézio, »dass alle hier sehr arm sind, aber niemand sich je beklagt. Die Cité ist eine Ansammlung von Hütten aus Brettern und Blech, mit Dächern aus Teerpappe, die mit Steinen beschwert ist.« Lalla fühlt sich wohl hier, wirkliche Freiheit jedoch findet sie bei ihren Streifzügen in der Wüste. Da trifft sie auf den geheimnisvollen Es Ser und seine Geschichten und auf Hartani, den Schäferjungen, der den Schelluh angehört, einem Berbervolk. Er wird der erste sein, dem sie sich hingeben wird. Und letztlich scheint es die Wüste selbst zu sein, die Lalla - in Tagträumen - die Geschichte ihrer Vorfahren, der Tuareg erzählt, die die Not zum großen Exodus aus dem Süden zwingt. Gerade zu Beginn des Romans nimmt dieser Handlungsstrang einen breiten Raum ein.

Die Geschichte des Auszugs besitzt eigene Helden, große, von denen jeder spricht, aber auch kleine wie den jugendlichen Nour, eine Art männliches Pendant in Lallas persönlicher Geschichte. Wie sie streift Nour umher, entfernt sich immer mehr von seiner Familie und sucht die Nähe der großen Männer, greift aber auch helfend ein, wo seine jugendliche Hand gebraucht wird. Große Schönheit liegt im Wechselspiel der grandiosen historischen Kapitel der Jahre 1909-12 mit denen der einfühlsamen Beschreibung des Heranwachsens von Lalla Hawa, die ihren Namen ihrer Mutter verdankt, einer Sch'rifa. Allerdings stellt sich beim ersten Übergang beim Leser eine gewisse Ungeduld ein, bis er mit jeder Zeile mehr begreift, dass er die Geheimnisse der Welt der Tuareg, die noch in deren Not Bestand haben, für jene eintauscht, die Lallas Welt umgeben.

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In der westlichen Umgebung dann bangt der Leser mit dem überraschenden Erfolg der Protagonistin als Model um ihre Identität, die diese mit einer magischen Aura umgibt, die die Menschen um sie herum, die Ausgestoßenen, die Zukurzgekommenen, längst der alltäglichen Tristesse opfern mussten. Noch ist Lalla gefestigt in sich, was sich in ihrer Art zu tanzen ausdrückt oder im sorglosen Umgang mit dem mühelos verdienten Geld. Noch ist sie, die ein Kind der Wüste in sich trägt, selbst ein Kind dieser Wüste.

(Originaltitel: »Désert«)

7/2007 © by Janko Kozmus
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